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- Typography

Typo-Rebellion

Es gibt unterschiedliche Anlässe zur Kreation eines neuen Fonts. So ungewöhnlich wie die Schrift Konkret ist auch der Grund ihres Entstehens. Die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage trieb nach eigener Aussage Daniela Spinelli und Stefan Hübsch an.

Dieser Ansatz erklärt wohl auch die Assoziationen an Revolution und Rebellion, besonders an die große Zeit sowjetrussischer Propaganda, die beim Betrachten der wuchtigen Lettern geweckt werden. »Die Konkret steht für uns für Protest und Widerstand, was sich in ihrer Formensprache widerspiegelt«, erläutern Daniela Spinelli und Stefan Hübsch, die gemeinsam für diese Fontfamilie verantwortlich zeichnen. Ursprünglich war der Entwurf für ein Plakatprojekt geplant, das aber dann im Sande verlief. Die ersten ausgearbeiteten Buchstaben verschwanden erst einmal im Archiv. Jetzt schien aber die Zeit gekommen, ein typografisches State­ment zu setzen.

 

Das ist zumindest sehr sorgfältig und konsequent ausgearbeitet: Acht Schnitte mit den jeweiligen Kontra Italics umfasst die Familie, alles ausschließlich Versalien. Das macht die Konkret für plakative und großflächige Anwendungen besonders geeignet, wo die ungewöhnlichen Formen ihre ganze Kraft entfalten können. Die scharfkantigen, geometrischen Buchstaben gemahnen an rebellische Entwürfe der zwanziger Jahre, sie irritieren die gängige Harmoniesucht, die inzwischen selbst viele Plakatentwürfe heimgesucht hat, und signalisieren Aufbruch.

 

Besonders auffällig ist dabei etwa das K mit dem eigenwilligen Anschluss des unteren Schrägstrichs, dem sogenannten Bein. ­Ein Stilelement, das bekanntlich vom späten Jan Tschichold scharf kritisiert wurde, in dem Konkret-Kontext als zeittypisches, »revolutionäres« Mittel jedoch durchaus passend erscheint. Die Designer betonen schließlich, dass ihr Entwurf »rau und aufsässig sein soll und bewusst nicht immer den Regeln folgen will«.

 

Außerdem gibt es mildere Formvarianten im Programm dieser Schrift, bei der alle Lettern die gleiche Breite haben. Die Rebellion reicht übrigens bis zu den Icons, die zum Sortiment gehören. Neben den üblichen Symbolen sind hier auch Piktogramme wie Eis am Stiel – sogar in unterschiedlichen Verzehrgraden! –, Coffeebecher to go und Hot Dogs enthalten. Erklärung von Designer Stefan Hübsch: Nach einer Rebellion brauche man halt auch ein bisschen Erholung …

 

Konkret kommt von der Typefoundry Typocalypse, ein Zusammenschluss der drei »typokalyptischen Reiter« Kai Merker, Stefan Hübsch and Sven Fuchs, die sich beim Studium in Trier kennengelernt haben und unter diesem Label ihre Schriften vermarkten. Konkret ist der erste Font, den Stefan Hübsch gemeinsam mit seiner Büropartnerin Daniela Spinelli entwickelt hat. Das Ergebnis spricht für sich, eine Fortsetzung, zum Beispiel in Form von Konkret-Gemeinen, ist zu erwarten. Allerdings stehen zunächst neue typokalyptische Experimente im Vordergrund.


www.typocalypse.com



Dieser Beitrag von Herbert Lechner erschien erstmals in unserer novum-Augabe 05.18. Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/

 

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