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- Typography

Akira Kobayashi: Typografische Bedürfnisse erspüren

Zu den erstklassigen zeitgenössischen Typografen zählt unumstritten Akira Kobayashi, der nicht nur mit der ersten japanischen Schrift bei Monotype, der Tazugane, für Furore sorgte. Ich sprach mit dem sympathischen und visionären Kreativen über die typografischen Bedürfnisse unserer Zeit und den Wandel in der Branche.

Entwicklung der Tazugane

 

Nach welchen Gesichtspunkten gehst Du den Entwurf einer neuen Schrift an? Erspürst Du die Bedürfnisse des Marktes oder hast Du eher den Wunsch, Schriften zu erarbeiten und dann zu sehen, wie diese angenommen werden?


Akira Kobayashi: Mein Akko-Projekt fing beispielsweise bei der Analyse der Bedürfnisse des Marktes an. Damals wurde eine moderne Serifenlose mit größer x-Höhe sehr stark nachgefragt. Akko war meine zeitgerechte Antwort, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Fast immer erspüre ich die Bedürfnisse des Marktes, auch wenn sie nicht immer so groß sind wie in dem Fall.

Die Akko-Familie

 

Typgrafie ist immer auch ein Spiegel der Zeit. Welche Einflüsse, Ereignisse oder Trends spielen heute eine große Rolle in der Typografie? Oder anders gefragt: Was sagt die heutige Typografie über die derzeitigen gesellschaftlichen Strömungen aus?


Akira Kobayashi: Unser Lebensstil hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert und er hat auch die Typografie stark beeinflusst. Viele Marken oder Unternehmen haben sich langsam dahingehend entwickelt, freundlicher oder lockerer zu werden. Europäische Modegeschäfte verwendeten beispielweise bis in die neunziger Jahre ordentliche Schriften, damit sie edel aussehen – diese Tendenz hat sich langsam geändert. In den letzten Jahren sehe ich sehr viele Mode-Werbung mit lockeren Handschriften. Früher war »Einförmigkeit« ein wichtiges Stichwort, aber »Umgänglichkeit« steht heutzutage deutlicher im Vordergrund.

 

Wie sehr haben sich ganz konkret die Anforderungen an Schriften in den letzten Jahren verändert?


Akira Kobayashi: Um das am Beispiel der Tazugane zu erklären: Eine passende japanische Schrift zu Frutiger? Vor zehn Jahren leitete ich das Neue-Frutiger-Projekt zusammen mit Adrian Frutiger, aber damals hatte so eine Idee noch keine Chance. Ganz im Gegenteil – als ich 2001 bei Linotype als Type Director angefangen habe, waren meine Kenntnisse in japanischem Schriftdesign kaum gefragt, aber jetzt führe ich viele ostasiatischen Zeichen ein. Ich muss sagen, dass sich hier der Trend in den letzten zehn Jahren sehr stark gewandelt hat, viel schneller, als ich erwartet habe.

 

 

Die Tazugane war wirklich ein Paukenschlag – könnte das eine der künftigen Hauptaufgaben von Typografen sein, Alphabete aus unterschiedlichen Kulturkreisen miteinander in einem Font zu verbinden?

 

Akira Kobayashi: Es ist inzwischen nicht mehr ganz besonders, dass in eine lateinische Schrift auch kyrillische oder griechische Buchstaben eingebaut sind. Für große Unternehmen oder auch für bestimmte Marken ist es heutzutage sehr wichtig, dass man mehrere Sprachen unterstützt, und zwar in einer einheitlichen Stimme, wobei unter »Stimme« natürlich nicht die akustische, sondern die sichtbare Stimme zu verstehen ist.   Unsere Stärke bei Monotype ist sicher das weltweite Designernetzwerk, durch das wir sowohl westliche als auch asiatische Sprache zeichnen können. In der Zukunft wird es noch wichtiger werden, Informationen europäischer Marken an asiatische Länder zu senden. Ist es da nicht schön, wenn Informationen in lateinischen Alphabeten und asiatische Schriftzeichen nebeneinanderstehen, in einer perfekten Harmonie? Das ist mein Ziel. Wir haben vier Jahre investiert, um passende chinesische (M XiangHe Hei, 2018), japanische (Tazugane Gothic, 2017) und koreanische (Seol Sans, 2018) Schriften zur Neue Frutiger zu entwickeln. Vor ein paar Wochen wurde unsere japanische Schrift Tazugane Gothic mit dem Good Design Award 2018 in Japan ausgezeichnet. Ich glaube, dass unsere Ost-West-Zusammenarbeit eine neue Ära eröffnet.

 

Hast Du den Eindruck, dass der Typografie noch ein angemessener Stellenwert eingeräumt wird oder wird der Umgang mit ihr nachlässiger?


Akira Kobayashi: Typografie bleibt immer noch der wichtigste Bereich im Grafikdesign. Solange eine Person, eine Marke oder ein Unternehmen mit Buchstaben kommunizieren will, braucht man Typografie.
   

Interview mit Akira Kobayashi: Bettina Schulz 


www.monotype.com/de/

  
Dieser Beitrag erschien erstmals in novum 03.19 (novum+ Typography); Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/
  
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