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- Interview

Nachhaltige Unternehmenskommunikation

Nachhaltige Unternehmenskommunikation oder Sustainability – alles Schlagworte mit viel Interpretationsspielraum, grünes Gewissen oder kalkuliertes Marketing? Nachhaltigkeit – eine Nische innerhalb unseres Wirtschaftssystems oder die Zukunftsrichtung? Zumindest ein Großteil der Gesellschaft sieht das so: Green washing gilt nicht mehr! Katja Knahn führte ein Interview mit einer, die nicht nur predigt, sondern praktiziert: Astrid Pfannenstiel hat sich schon früh auf den Weg in Richtung gelebte Nachhaltigkeit gemacht.

 

 

 

Liebe Astrid, Du hast einen interessanten beruflichen Werdegang. Wie sieht dieser aus und an welchem Projekt arbeitest Du momentan?

Da ich es mag immer wieder neue Eindrücke im Leben zu gewinnen, hatte ich einen Werdegang mit vielen Abzweigungen. Schon mein Studium in International Business Administration fand in vier verschiedenen Ländern statt. Die jeweiligen Etappen ergaben sich immer recht spontan. Zum Beispiel bin ich binnen einer Woche damals von Holland nach Kopenhagen gezogen. Zuletzt studierte ich in Korea an einer Hochschule mit 80% Männern. Daraufhin zog ich in meine Geburtsstadt München und arbeitete zunächst in einer Unternehmensberatung. Hier betreute ich bereits Projekte zu Klimaschutz und Elektromobilität. Gerade die E-Mobilität war damals, das war 2008, noch ein echtes Thema für Freaks. Mit diesen Erfahrungen wechselte ich zur Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) und von dort zu einem Start-Up für Erneuerbare Energie. In den letzten Jahren war ich schließlich Managerin in zwei Konzernen.
Tja, und derzeit arbeite ich am Launch von ‚Lovis München, meiner neu gegründeten Marke für plastikfreie Naturkosmetik. Hierbei handelt es sich um meine eigenen Produktentwicklungen von hochwertigem festen Shampoos und Seifes. Diese werden in sehr schön gestaltetes ökologisches Heupapier verpackt.



Was hat dich bewegt, den Schritt zur Gründung eines Start-up zu wagen?

Ich habe in meiner Beratungszeit und auch danach bereits an Gründungen mitgearbeitet. Außerdem war ich eine Zeitlang Mentorin für ein Jugendlichen-Start-Up Programm. Insofern hat es mich natürlich immer gereizt, auch selbst etwas aufzuziehen. Die Kosmetiklinie habe ich zunächst für mich selbst entwickelt, weil ich auf dem Markt irgendwann nichts mehr gefunden habe, was meinem Anspruch an Ökologie und Produktwirksamkeit, vor allem hochwertigen, natürlichen Inhaltsstoffen, gerecht wurde. Ich habe sehr lange Haare, die viel Pflege benötigen. Zwei meiner Produkte sind sensitiv, weil ich auch nicht alles vertrage. Die Produkte kamen dann auch bei meinen Freunden so gut an, dass ich beschloss, daraus eine Geschäftsidee zu entwickeln. Ich starte gerade auf dem Markt und habe schon eine ganze Reihe von Ideen für weitere plastikfreie Kosmetikprodukte.

 

 

Du scheinst Dich ja schon lange, bevor das Thema in aller Munde war, damit zu beschäftigen. Wie kamst Du überhaupt in die Ecke der nachhaltigen Unternehmenskommunikation?

Durch die Nachhaltigkeitsprojekte, an denen ich gearbeitet habe, hatte ich natürlich schon immer indirekt damit zu tun. Direkt wurde es dann bei der Münchner Verkehrsgesellschaft, die mich damals beauftrage, für sie den ersten Nachhaltigkeitsbericht zu schreiben. Für die MVG war das ein sehr herausforderndes Thema, wie ich schnell merkte. Denn es vergeht kein Tag, an dem nicht über sie in den Medien berichtet wird. Ein guter Nachhaltigkeitsbericht lebt allerdings von maximaler Transparenz. Deshalb ging mit der Veröffentlichung des Berichts die Angst nach negativer Presse einher. Zum Glück ist das aber nicht eingetreten.

Wie definierst Du für Dich persönlich nachhaltige Unternehmenskommunikation?

Nachhaltigkeit wird oft mit Ökologie gleichgesetzt, was aber nur zu einem Drittel stimmt. Wirtschaften und Soziales gehören genauso dazu. Deshalb ist nachhaltige Unternehmenskommunikation ja ursprünglich ein Tool der Börse: damit sollte Analysten die Stabilität und Rechtskonformität des Unternehmens dargelegt werden. Das bedeutet, dass nachhaltige Kommunikation den Auftrag hat, alles darzulegen, was sinnstiftend und auf die Zukunft der des Unternehmens und der Gesellschaft ausgerichtet ist. Hier ist die MVG ein schönes Beispiel, da es eben nicht nur darum geht, die Verkehrsflotte noch emissionsärmer zu gestalten. Sondern ebenso ihren Beitrag für den Wirtschaftsstandort München zu leisten, den Mitarbeitern einen stabilen Arbeitsplatz zu bieten und den Verkehr für Menschen mit Einschränkung barrierefrei zu gestalten etc.. Aufgabe der nachhaltigen Unternehmenskommunikation ist es, dies für alle transparent zu machen. Auch nach Intern: passiert hier schon genug? Wo kann man sich noch verbessern? Wie machen es andere? Wenn man das Thema ernst nimmt, ist nachhaltige Unternehmenskommunikation auch ein Tool für zufriedene Mitarbeiter und Geschäftspartner.


Gibt es für Dich Prioritäten zwischen Print und Online bei der nachhaltigen Unternehmenskommunikation?

Eigentlich nein. Denn Beides hat seine Daseinsberechtigung. Online ist schnell und massentauglich, hat aber häufig weniger inhaltliche Tiefe. Gedruckte Kommunikation ist langsamer, eingeschränkter in der Verbreitung, aber leistet anschaulich aufbereitet Informationen in großer Detailtiefe. Ein Nachhaltigkeitsbericht zum Beispiel enthält sehr viele Zahlen und Fakten. Das bedeutet, dass beide Medienkanäle optimal zusammenspielen können: Kompakte Infos online an einen großen Verteiler; gedruckte Infos in aller Tiefe an die, die sie wirklich benötigen.


Wenn Du die Zukunft prognostizieren müsstest – glaubst Du an ein verändertes Wirtschaftssystem oder bleibt Nachhaltigkeit in der Nische bzw. ist ein Trend, der wieder vorbei geht?

Ich glaube, dass nachhaltiges Wirtschaften längst aus der Nische in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist. Wir erleben gerade, dass die Bürger und Konsumenten in ihrer Forderung nach Nachhaltigkeit dem Tun von Wirtschaft und Politik weit vorauseilen. Auch die Politik hat die Dynamik und Vehemenz der Bürger deutlich unterschätzt. Zum ersten Mal spüren wir die Auswirkungen von wirtschaftlichem Wachstum ohne den Blick auf morgen: wir sehen Klimawandel, Kriege um Rohstoffe, und Berichte von den Schäden unseres maßlosen Konsums in den häufig deutlichen ärmeren Produktionsländern.
Deshalb glaube ich, dass wir zunehmend in ein nachhaltigeres Leben und Wirtschaften gezwungen werden. Wir kommen gar nicht mehr umhin.


lovismuenchen.com

 

Das Interview führte Katja Knahn, es erschien in gekürzter Version in der novum 05.20. In dieser Ausgabe mit dem Schwerpunkt »sustainability« finden Sie viele weitere Beiträge rund um Nachhaltigkeit und Design