Ihr Warenkorb:

Keine Artikel im Warenkorb.

- Illustration , Graphic Design , Interview

Kunst.Ort.Kino

Ein Ausstellung in Erfurt widmet sich noch bis 17. September der Kinopublizistik und stellt historische Werke den Arbeiten zeitgenössischer Künstler gegenüber. Zum hundertjährigen Jubiläum der UFA zeigt diese Schau, wie einflussreich die visuelle Sprache der frühen Kinokommunikation noch heute ist. Im Interview erklärt Kurator Patrick Rössler, was an der Kinopublizistik so fasziniert … 

Kunst Ort Kino Filmpublizistik

Herr Prof. Rössler, Kinopublizistik wie Plakate, Programmhefte usw. waren ursprünglich nicht als Kunst gedacht, sie waren vielmehr Gebrauchsgrafik. Wie hat es das Genre dennoch in die Kunst und im aktuellen Fall in die Ausstellung Kunst.Ort.Kino in der Erfurter Kunsthalle geschafft?

 

Wie vieles aus der Epoche der 1920er-Jahre, auf das wir zurückblicken, hat auch die Reklame jener Zeit heute einen anderen Stellenwert. Was damals als gewöhnliche Maßnahme zur Verkaufsfoerderung – in diesem Fall des Kinobesuchs – angelegt war, hat heute aufgrund seiner zeittypischen Gestaltung den Status eines Kunstwerks. Denn die Gestaltung steht für eine bestimmte Bildsprache und hat ganz spezifische Ausdrucksformen, die (wie andere Formen der Angewandten Kunst) in ihrer Kreativität erst später erkannt wurden. Auch wenn die Drucke und Fotografien in ihrer Zeit keine Unikate waren – aufgrund des Krieges und der schweren Zeit danach, durch Nazi-Repressalien und Re-Education sind viele der Drucksachen heute nicht mehr oder nur noch ein wenigen Exemplaren in öffentlichen Sammlungen zugänglich.

Kunst Ort Kino

Sie sammeln seit vielen Jahren privat Gebrauchsgrafik bzw. Publizistik aus der Zeit der Weimarer Republik und des Bauhauses. Und im vergangen Jahr hat die Uni Erfurt – anknüpfend an Ihre Forschung – eine umfangreiche Sammlung alter DEFA-Filmpublizistik erworben. Eine Geschichte, an der Sie maßgeblich beteiligt waren und von der auch die Studierenden dadurch profitieren, dass sie mit dem Material arbeiten können. Was genau interessiert die Kommunikationswissenschaftler so sehr an diesem Material?

 

Hier interessiert uns insbesondere der Medienbruch, der sich vollzieht, wenn man den Film einfriert, gewissermaßen anhält, um ein Motiv für die gedruckte Publizisitk zu isolieren. Das ist unvermeidlich, wenn Zeitschriften über Filme berichten oder Plakate für den Kinobesuch werben – dann muss das dynamische Medium in statische Repräsentationen übersetzt werden, was keine leichte Aufgabe ist. Für die Aushangfotos in den Kinos beispielsweise sucht die Produktionsfirma Schlüsselbilder heraus, die den Gang der Handlung möglichst aussagekräftig vermitteln. In Filmprogrammen wird dann der Plot nacherzählt, illustriert mit eben diesen Aushangfotos. Und Plakate, aus technischen Gründen in den 1920er-Jahren noch lange von Illustratoren gemalt und nicht bloß ein vergrößertes Filmfoto, sollten das Publikum mit farbenfrohen Darstellungen meist der bekannten Hauptdarsteller in die Lichtspieltheater locken.

Kunst Ort Kino

Wie lange sammeln Sie solche Filmpublizistik schon und wo findet diese umfängliche Sammlung eigentlich Platz?

 

Seit meiner Zeit als Filmjournalist im Stuttgart der 1990er-Jahre interessiere ich mich auch für die Kinogeschichte. Es tauchen immer wieder Einzelstücke und ganze Samlungen auf. Umfangreichere Bestände finden in der Interdisziplinären Forschunsgsstelle für historische Medien der Uni Erfurt ihren Platz, die ich mit meiner Kollegin Christiane Kuller von der Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik aufbaue.

 

Haben Sie ein Lieblingsplakat? Wenn ja: welches und warum gerade dieses?

 

Mein Lieblingsplakat in der aktuellen Ausstellung ist das zu »Hamlet« mit Asta Nielsen – weil es den ersten Star des europäischen Stummfilms in einem so schlichten wie überwältigenden Grafik-Design zeigt.

 

Als jemand, der sich schon so viele Jahre mit dem Genre beschäftigt, betrachten Sie die aktuellen Filmplakate sicher aus einem ganz anderen Blickwinkel als Otto-Normal-Kinogänger. Wie hat sich die Kinopublizistik in den vergangenen 100 Jahren verändert und welches Kinoplakat ist Ihnen aus der jüngeren Zeit besonders erinnerlich?

 

Der massivste Wandel kam sicherlich durch das Internet: Die allzeitige Verfügbarkeit von Trailern und die Bewertungsportale, die die Beliebtheit eines Films im Publikum fast in Echtzeit widerspiegeln, dazu die scheinbare Nähe zu den Stars durch deren Instagram-, Facebook- und Twitter-Aktivitäten. Das ist natürlich einen Quantensprung entfernt von der vergleichsweise »unschuldigen« Kultur der Filmprogramme und Starpostkarten aus der Zwischenkriegszeit. Was mir in jüngerer Zeit in Erinnerung geblieben ist? Natürlich das berühmte Plakat zu Quentin Tarantinos »Pulp Fuction«, selbst im Stil eines amerikanischen Groschenromans gehalten.

Kunst Ort Kino

Wenn Sie sich für Ihre Sammlung ein Stück wünschen dürften, das Sie noch nicht haben. Welches wäre das?

 

In der Ausstellung zeigen wir die erste Auflage des Buchs zu Fritz Langs »Frau im Mond«, erschienen zur Premiere. Es wäre schön, daneben auch die zweite Auflage mit dem veränderten Umschlagmotiv zu zeigen, die nach dem Filmstart erschienen ist. Aber leider ist es mir über Monate hinweg nicht gelungen, dieses Buch zu finden – trotz einer damaligen Auflage von mehr als 15.000 Exemplaren.

 

 

Herzlichen Dank an den WortMelder, das News-Portal der Universität Erfurt, für das zur Verfügungstellen des Interviews 

..........................

 

Kunst.Ort.Kino  Historische Publizistik und aktuelle künstlerische Positionen

Kunsthalle Erfurt, Fischmarkt 7

Zu sehen bis 17. September