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- Interview , Graphic Design

10 questions to: Fanette Mellier

Als Grafikerin ist es Fanette Mellier wichtig, dass ihre Arbeiten funktional sind, gern überlässt sie aber auch dem Zufall das Feld und verleiht ihren Werke so Leben, Strahlkraft und Poesie. Egal ob Bücher, Plakate, CIs oder Schriften, für die französische Gestalterin ist jedes Projekt eine Gratwanderung zwischen Emotionalität und Funktionalität.  

 

Interview: Guillaume Sinopoli

Was schätzt du am Grafikdesign am meisten?

Ich mag, dass es intellektuell herausfordernd ist und ausserdem kreativ und konkret. Ich mag seine Verbindung mit Ordnung und bin davon überzeugt, dass mein Beruf ein wahres Füllhorn ist. Was ich auch schätze, ist dass das Grafikdesign eine enge Verbindung zur industriellen Produktion hat und uns Designer damit ins Zentrum moderner Gesellschaften stellt. Und es ist mit der Wirtschaft verknüpft, anders als Kunst ist unser Beruf nicht spekulativ. Wir werden pro Seite bezahlt. 

 

Du konzentrierst dich sehr auf Ducksachen, woher rührt deine Leidenschaft? 

Mein Vater war Drucker, meine Leidenschaft stammt also zweifellos von ihm. 

 

Du hast eine ganz besondere Art, an Farben heranzugehen und Plastizität und Texturen spielen eine ganz besondere Rolle in deiner Arbeit. Warum ist das für dich so wichtig?  

Farben sind fundamental für meine Arbeit. Ich nutze sie funktional (für Klassifikationen und um Inhalte hierarchisch zu ordnen) und auf poetische Weise. Die Formen, die ich erschaffe, sind of geometrisch, starr und streng organisiert. Plastizität und Poesie erziele ich durch die Farben, die ich verwende. Die Farben bringen die Formen in Bewegung, manchmal auf unvorhergesehene Weise, den einen Teil des Druckprozesses gestalte ich so, dass er zufällige Ergebnisse produziert.Es hängt allerdings alles vom Projekt und dem Inhalt ab. In »Jardin Infini« (dem unendlichen Garten) entwickelt das Grün beispielsweise eine enorme Tiefe und stellt eine Verbindung zur Ausstellung her. In »Au Soleil« (bei der Sonne) verbreitet die Farbe, mithilfe von Lichtkreisen und phosphoreszierenden Effekten, eine Energie, die fast schon immateriell ist – Farbe wird hier zu Licht. Im meinem Projekt »Pompidou Parade« erzählt die Farbe auf der anderen Seite etwas über die Geschichte und die Architektur des Centre Pompidou. Farbe ist für mich ein Werkzeug, eine Sprache, die ich auf verschiedene Art einsetzen kann. Es hängt immer vom Projekt ab, denn jedes besitzt seinen eigenen Kosmos. 

 

Natur scheint ebenfalls eine wichtige Rolle in deinen Arbeiten zu spielen.

Natur inspiriert mich sehr, vor allem aufgrund ihrer universellen und metaphorischen Qualitäten. Bestimmte Formen wie bei »La Lune« (der Mond) oder »Le papillon imprimeur« (Der Schmetterlingsdrucker) sind universell und besitzen eine Verbindung zu Raum und Zeit.

Le Papillon Imprimeur – Fanette Mellier, Editions du livre, 2016

Manche deiner Arbeiten sind experimentell, andere functional. Kannst du uns etwas über deinen Kreationsprozess verraten?

Funktionalität ist eine sehr wichtige Dimension, besonders wenn ich für Kunden arbeite. Bei experimetellen Projekten gibt es immer Raum für Zweifel und Zufälle, bei Auftragsarbeiten nicht. Die Verbindung zur Funktion ist eine der tragenden Säulen des Designs und ich frage mich stets, ob ich dem Inhalt Genüge tue. Für mich ist es wichtig, immer mit der sprichwörtlichen weißen Seite zu beginnen. Der Anfang ist wie eine intellektuelle Übung, eine Art stimulierendes Spiel: die Informationen zu organisieren, auf einem Cover, einer Hülle, einer Bindung, etc. Oft fertige ich Dummies, ich schneide zu, binde das Ganze und binde es oft nochmals, bis ich weiß, was ich machen möchte.

 

Du hast auch das neue Erscheinungsbild für FRAC Aquitaine gestaltet, kannst du uns etwas über die Herausforderungen dieses Projektes erzählen?

Die Identity von FRAC Aquitaine ergab sich Schritt für Schritt und eins führte zum nächsten. Glücklicherweise entwickelte sich die CI über mehrere Jahre hinweg, so daß wir das Desgin immer wieder den Wünschen des Kunden anpassen konnten. Trotzdem ist es alles andere als Routine, ein Erscheinungsbild für solch eine Institution zu entwickeln. Meines Wissens gibt es da kein einfaches Rezept oder eine Richtlinie. Konsitenz ist natürlich ein Muss, aber die verschiedenen Medien und Kommunikationsmittel benötigen besondere Aufmerksamkeit. Es ist wie ein Ausdauersport.Die nächste Herausforderung erwartete uns, als FRAC in neue Räumlichkeiten zog. Da die Sammlung bis Januar 2019 geschlossen war, nutzten wir die Gelegenheit und überprüften die Identity und die Kommunikation. Wir machten eine Aufstellung aller Kommunikationsmittel, die wir in den letzten drei Jahren erstellt hatten und von diesem Ausgangspunkt aus, versuchten wir, das Erscheinungsbild weiter zu entwickeln. Wir haben also keine neue CI geschaffen, sondern das Vorhandene genutzt und angepasst, um den neuen Bedürfnissen und der Dynamik des Projektes gerecht zu warden. Grafikdesign ist schließlich auch ein wichtiger Teil der Geschichte von FRAC Aquitaine.

Graphic identity, Frac Aquitaine, 2015-2016

Du hast auch die Schrift Bubune für den Film »Jacky au royaume des filles« entwickelt, wie kam es dazu?


Es ist sehr ungewöhnlich, für ein imaginäres Land zu gestalten. Riad Sattouf, ein bekannter Comic-Autor aus Frankreich, bat mich, die Typografie für seinen zweiten Film »Jacky au royaume des filles« zu gestalten. Die Geschichte ist durch verschiedene Diktaturen der Vergangenheit und Gegenwart inspiriert und kehrt die Rollen der Unterdrücker und der Unterdrückten um. Jacky lebt in einer Militärdiktatur, in der die Männer Schleier tragen und von den Frauen dominiert werden.

Die Bubune-Schrift, die ich gestaltet habe, ist von nicht-lateinischen Schriften, wie etwa kyrillischen Alphabeten, inspiriert und die Buchstaben enden in abgerundeten Formen. Die Idee war, ein Alphabet zu schaffen, das zwar lesbar, aber zugleich fremd und verwirrend wirkt.

Die Bubune wurde in den Eröffnungs-Credits verwendet, aber auch im Film selbst und sie wurde fast zu einem eigenständigen Charakter. Die Schauspieler schreiben diese seltsamen Buchstaben, das heißt die Bubune ist im Film weniger ein Font sondern wird zur Handschrift. Es war eine tolle Erfahrung, an diesem Projekt zu arbeiten, es war komplett ungewöhnlich und dennoch angewandt – auch wenn der Kontext fiktional war.

Bubunne, Jacky au royaume des filles (Riad Sattouf), 2013

2018 hast du eine Neujahrs-Überraschungsbox für die Druckerei Lezard Graphique gestaltet, wie kam es dazu?

Der Hintergrund dieses Projektes war sehr besonders, denn mein Freund Jean-Yves Grandidier, der Gründer von Lezard Graphique, ging in den Ruhestand. Zwanzig Jahre lang gab er jeweils einem Designer oder Künstler absolute Freiheit, seine Grußkarten zu gestalten und diese Karten sind längst Sammlerstücke geworden. Seine letzten Neujahrskarten mussten also etwas ganz Besonderes werden. Er erzählte mir schon ein Jahr im Vorraus davon und übertrug mir die Art Direktion, das heißt, ich hatte viel Zeit, um mir Gedanken zu machen.

Von Anfang an hatte ich den Plan, verschiedene Designer einzuladen, zu diesem Projekt beizutragen, um es anspruchsvoll und facettenreich zu machen. Ich schlug vor, das Ganze in eine Schachtel zu verpacken, zum einen aus praktischen Gründen, zum anderen weil wir so ein sehr ansprechendes Objekt schaffen konnten. Dank ihrer Form bringt die Box die Menschen zum Schmunzeln und weckt die Vorfreude auf den Inhalt. Sie wirkt auch wie eine Skulptur, die dekorativ ist und die man aufbewahren möchte. In der Überraschungsbox befanden sich dann 12 Kunstwerke von Designern und Freunden von Lezard Graphique, gedruckt in 12 verschiedenen Farben. Wir nutzten dann Papierstreifen als Füllmaterial und verpackten die Karen in Seidenpapier, auf das die Neujahrsgrüße in Metallic-Farben gedruckt waren. 

Du hattest gerade deine erste Retrospektive. Wie hast du die ausgestellten Arbeiten ausgewählt? 

Ich wählte viele meiner Bücher und Plakate aus, die ich während der letzen zehn Jahre gestaltet habe. Schwerer auszustellen waren die Projekte, die eine ungwöhnliche Form haben, etwa Erscheinungsbilder oder Installationen für öffentliche Räume, etc. Grafikdesign kann so viele Formen annehmen, es ist eine wahre Herausforderung, all das in einer Ausstellung zur Geltung zu bringen. 

Die Ausstellung hieß »Swing« und das Konzept bestand darin, der normalerweise statischen Form einer Retrospektive Bewegung und Spaß zu verleihen. Denn Bewegung und Spaß sind für mich sehr wichtig, schließlich bin ich noch jung!

 

 

www.fanettemellier.com

 

Weitere Beiträge aus der Reihe »10 questions to« finden Sie hier …

Swing, Fanette Mellier à la bibliothèque de Saint-Herblain, 2017