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novum Editorial: Aalglatte Weltsicht

 

 

So lange ist es noch gar nicht her, dass die Menschheit fest davon überzeugt war, die Welt sei eine Scheibe, und vielleicht manifestiert sich dieser Irrglaube auch irgendwann einmal wieder – wenn sich die Früher-war-alles-besser-Nostalgiker nur weit genug zurückbeamen. Und ein wenig ist es ja jetzt schon so, dass die reale Welt für viele nur noch in Form eines Rechtecks wahrgenommen wird. Eine Kampagne von Wien Tourismus im vergangenen November brachte es auf den Punkt: Hierfür wurde drei Tage lang Klimts Meisterwerk »Der Kuss« im Belvedere mit einem großen roten Hashtag »überklebt« – dazu der Hinweis »See Vienna. Not #Vienna« (was wahrscheinlich nicht vom Fotografieren abhielt). Inzwischen werden Meisterwerke aber noch nicht einmal mehr frontal durch die Handykamera betrachtet, sondern quasi im Rückspiegel. Dank Selfie-Sticks wird Kunstschätzen reihenweise der Hintern zugedreht, um die eigene kulturelle Bildung zu unterstreichen …


Natürlich beschränkt sich der selbstlimitierte Horizont nicht nur auf Mu?seen. Einst einsame, wunderschöne Fleckchen Erde werden neuerdings von Touristen überrannt, die Instagram-Listen »abarbeiten«. Was zur Folge hat, dass es mancherorts nicht mehr ganz so idyllisch zugeht – man google hierzu einmal Hallstatt im Salzkammergut. Auch ich durfte kürzlich eine Preisverleihung auf geschätzten neun mal dreizehn Zentimeter verfolgen. Leider unfreiwillig, denn der Herr vor mir hielt mit beiden Armen sein Handy in die Höhe, um permanent zu filmen. Und sie dürfen sich sicher sein, dass es sich nicht etwa um die Oscars handelte, bei denen seine Frau überraschenderweise zur besten Hauptdarstellerin gekürt wurde. Unvergessen wird mir auch eine Schifffahrt des vergangenen Urlaubs bleiben – ein lauer Abend, eine tolle Landschaft und ein atemberaubender Sonnenuntergang, den man vom Heck aus genießen konnte … langsam senkte sich der imposante Feuerball über eine halbe Stunde hinweg, ehe er gänzlich im Meer versank. Einer jener Momente, in dem man fast eine Träne im Augenwinkel hat, weil er einfach zu schön ist. Unvergessen bleibt mir aber auch, dass ein Mann mittleren Alters dieses Erlebnis von Anfang bis Ende filmte! Warum um alles in der Welt will man sich einen Sonnenuntergang zu Hause auf einem Bildschirm ansehen, wenn man ihn in voller Pracht hätte live sehen können?


Selbstverständlich spricht nichts gegen das Festhalten von Erinnerungen. Und es tut auch niemandem weh, wenn Menschen meinen, das Essen schmecke besser, wenn es zuvor in Daten umgewandelt wurde. Ich glaube dennoch, dass es etwas mit uns macht, wenn wir den Blick fürs große Ganze verlieren und nur noch in Ausschnitten sehen (abgesehen davon frage ich mich, ob es die Menschheit wirklich vorwärtsbringt, wenn die Mona Lisa zum Millionsten Mal auf Insta gepostet wird). Ist das neue »Echt« wirklich nur echt, wenn es irgendwo hochgeladen wurde? Sind es nicht viel mehr die flüchtigen, unwiederbringlichen Momente oder Eindrücke, die kreativ werden lassen? Eben weil diese nicht abgebildet wurden und somit lediglich in unserem Kopf existieren, wo sie weitergesponnen oder verändert werden können?

Haben wir einst unseren Horizont erweitert, indem wir lernten, dass die Welt eine Kugel ist, um die sich ganz sicherlich nicht die Sonne dreht, rudern wir nun zurück und pressen fantastische 360-Grad-Aussichten in ein Rechteck. Herzlichen Glückwunsch – wenn das kein Fortschritt ist!

 

Autor: Bettina Schulz

Dieser Beitrag erschien erstmals in novum 03.19 – Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/