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Lettering

- Graphic Design , Typography

Mike Meyer – Sign Painting

Es ist noch nicht so lange her, da malte man alle Schilder noch von Hand. Mike Meyer wuchs im ländlichen Minnesota auf und kam bereits in seiner Kindheit mit der damals noch wenig glamourösen Handwerkskunst in Berührung. Heute gehört Meyer zu den ganz Großen seiner Zunft und gibt sein Wissen mit viel Leidenschaft an junge Gestalter weiter, dabei ist das Schildermalen auch für ihn noch ein stetiger Lernprozess: »Perfekt wird man nie, man bekommt lediglich mehr Übung.«

Photo: Rob Smalley

 

Wie sind Sie zur Schildermalerei gekommen?


Ich war der mittlere von drei Jungs und weil ich immer etwas anstellte, musste ständig jemand auf mich aufpassen. Daher verbrachte ich viel Zeit im Herrensalon meines Vaters. Dort bekam ich alles mit, was mein Vater so machte, und wenn mal kein Kunde da war, dann malte er Schilder. Das begeisterte mich und bald wollte ich es auch machen. Für meinen Vater war es einfach ein Hobby. Es kamen viele Kunden, die ihn fragten, »Hey, George, kannst du ein Schild für mich malen«, und schon bald sagte er, »das kann mein Junge machen«. So fing alles an.
   Ich absolvierte auch einen einjährigen Lehrgang an einer Schule hier in Minnesota und danach fing ich an, in einem Schilderladen am Ort zu arbeiten. Das war die formale Ausbildung; außerdem machte ich alle Schildermaler der Umgebung ausfindig und nach einer Weile kannte ich alle ihre Buchstaben und Stile. Ein weiterer Einflussfaktor waren Rennwagen. Mein Vater nahm mich zu Stockcar-Rennen mit; was mich faszinierte, war die Beschriftung der Autos. Später ging ich zu den Leuten, die die Autos bemalten. Manche waren nicht gerade aufbauend und meinten nur: »Was, das willst du machen, das ist doch nichts für dich, mach was anderes.« Aber als ich ihnen sagte, dass sie meine großen Vorbilder sind, halfen sie mir doch ein wenig.

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War die Schildermalerei damals noch weiter verbreitet?


Oh ja. Computer gab es erst so ab 1982, als ich 1977 begann, war noch alles Handarbeit. In der ersten Schildermalerei, in der ich gearbeitet habe, gab es einen Werbegrafiker, der alle Skizzen und Vorzeichnungen anfertigte. Damit gingen die Verkäufer zu den Kunden und wenn sie erfolgreich waren, dann erst kam das Projekt zu uns Schildermalern. Wir malten damals alle Muster und diese und jene Kleinigkeit; ich war auf der untersten Stufe. Aber ich bekam auch den gesamten Herstellungsprozess mit.
   Es war kein Zuckerschlecken. »Das ist doch nicht dein Ernst, Junge. Du bist hier fehl am Platz. So musst du das machen.« Aber genau dieses Rumgeschubse stärkte mich: Ihr wollt nicht, dass ich das mache? Ihr glaubt, dass ich das nicht kann? Euch zeig’ ich’s!
   Ich versuchte, aus allem Negativen etwas Positives herauszuholen, und genau das möchte ich in meinen Kursen heute auch vermitteln: Weitermachen, du kannst es besser!

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Sind Sie als Lehrer so streng, wie Ihre Lehrer es waren?


Ja, vielleicht. Mein Vater hat mich sehr geprägt. Da kam nie »Gut gemacht«, aber er hat mir den Weg in die Schildermalerei geebnet. Für meinen ersten Job als kleiner 15-Jähriger sollte ich »Mazeppa town hall« auf ein Schild schreiben und war ganz aus dem Häuschen. Als ich beim »W« angekommen war, kam mein Vater zu mir und sagte: »Das W ist falsch, wisch es weg. Es sieht aus wie ein V, das musst du korrigieren!« Ich stieg von der Leiter und warf ihm den Pinsel an den Kopf. Aber dann dachte ich, vielleicht hat er ja doch recht, wischte den Buchstaben weg und schrieb das Schild fertig. Und als er später wiederkam, schaute er hoch und sagte: »Ja.« Mehr nicht. Ich zeige es dir – das war seine Art, mir etwas beizubringen.

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Wussten die Leute damals gut gemalte Schilder und die Kunst der Beschriftung mehr zu schätzen?


Früher gab es, darin sehe ich den Unterschied, Schilder, die nicht gut aussahen, und richtig gute Schilder, aber alle waren Handarbeit. Heute gibt es schlechte und gute Schilder, allerdings sind bei den schlechten Schildern wenigstens die Buchstaben perfekt. Denn die macht der Computer, die Leute selbst haben oft keine Ahnung vom Spationieren und klatschen alles irgendwie auf das Schild. Also gibt es heute perfekte Buchstaben, aber das Handwerkliche ist schlecht.
   In meinen Kursen sage ich den Teilnehmern immer: Seid nicht kleinlich. Eure Gestaltung ist nicht für andere Schildermaler, die übrigen Leute sehen den Unterschied nicht. Sie brauchen einfach ein Schild mit der Aufschrift »Zu verkaufen« und eine Telefonnummer. Sie möchten einfach Geld verdienen. Das ist der unternehmerische Teil, den man kennen muss, wenn man Schildermaler sein möchte. Wenn man das nicht bedenkt, dann grübelt man über den Schatten bei Buchstaben und den Einsatz von Airbrush, aber darum geht es gar nicht. Man muss es auf das herunterbrechen, worum es eigentlich geht: Wir machen Schilder, damit die Leute Geld verdienen können.

Lettering
Lettering by Mike Meyer

 

Gilt das auch heute noch, ist Schildermalerei beziehungsweise Sign Painting nicht eher eine Kunstform geworden?


Ja, schon. Aber die Leute merken langsam, dass der Computer einfach alles nur perfekt macht. Da sieht dann ein Schild wie das andere aus. Und nach einer Weile fragen sich die Leute: Was haben diese alten Schilder an sich, die mir so gefallen? Und dann wird ihnen klar, sie möchten etwas Handgemachtes, sie möchten kleine Fehler sehen, sie möchten zwei Buchstaben zusammen, zwei »O’s«, und dass das eine ein bisschen anders aussieht als das andere. Heute bevorzugen immer mehr Menschen das Natürliche, das Handgemachte; deshalb sind wir jetzt wieder dort, wo ich angefangen habe.

 

Für welche Kundentypen arbeiten Sie?


Da gibt es viele unterschiedliche Typen, manche möchten eine große Plakatwand beschriftet haben, andere möchten einfach Streifen auf ihrem Briefkasten. Restaurants, Ladenfronten, Schaufenster, Leuchtschilder und Rennwagen. Da kommt viel Unterschiedliches zusammen.

 

 

In den letzten Jahren gab es den Trend zum Handgemachten und alten Handwerkstechniken. Gilt das auch für das Beschriften mit der Hand?


Ja, absolut! Sogar große Unternehmen wie Gap, Target und Adidas schicken ihre Designer in meine Seminare, damit sie diesen Look hinbekommen. Und es kommen auch viele Chalkboard Artists, die die Tafeln für Cafés beschriften. Obwohl gegenwärtig eine Modeerscheinung, diese Kunst wird überleben, denn es gab sie schon immer und wird sie auch immer geben. Es ist ein bestimmtes Genre mit eigenem Look!

Interview: Christine Moosmann

www.betterletters.co


Dieser Beitrag erschien erstmals in unserer novum-Ausgabe 4.18 mit dem Schwerpunkt »Handmade«. Einzelhefte unter: https://novum.graphics/de/magazin/shop-abo/detail/novum-0418/

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