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(K)ein Zuckerschlecken

 

 

»Heiß wie die Hölle, schwarz wie der Teufel, rein wie ein Engel und süß wie die Liebe« – so muss Espresso sein, sagt man in Italien und dort muss man es ja definitiv wissen. Ich persönlich trinke Kaffee aller Art ohne Zucker … aus aktuellem Anlass würde ich aber am liebsten nur noch eine Tasse Zucker mit einem Schuss Kaffee bestellen. Denn wann immer ein neues Lebensmittelschweinchen durch die Welt getrieben wird, erwachen in mir zarte anarchistische Gefühle. Jetzt also Zucker! Und was hatten wir nicht alles schon zuvor: viele Jahre böse Eier (Cholesterin!), eine Zeit lang teuflische Butter und – nach deren Absolution – die vermaledeite Margarine. Im Anschluss pestizidverseuchtes Gemüse, flankiert von antibiotikadurchsetztem Fleisch, dem lebensverkürzenden Salz sowie acrylamidbehafteten Pommes und Backwaren – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Und nun wird der Raffinade zu Leibe gerückt, weil der mündige Bürger, wie wir alle wissen, nur in der kurzen Zeitspanne voll zurechnungsfähig ist, in der er sein Kreuzchen auf dem Wahlschein macht. Danach muss man ihm wieder sagen, wo es langgeht.


Es stimmt ja: Zucker wird uns überall und vor allen Dingen in rauen Mengen untergeschoben. Nur werden meines Erachtens wie so oft Ursache und Wirkung in einen verschobenen Zusammenhang gebracht. Was bringt eine angedachte Zuckersteuer im Kampf gegen Übergewicht und Diabetes, wenn schlicht verlernt wurde, dass sich ein Fruchtjoghurt in weniger als fünf Minuten auch aus frischen Zutaten selbst zusammenrühren lässt? Und vergessen wurde, dass es eine Erfindung namens Treppe gibt, auf die man noch nicht einmal warten muss, wenn man nach oben möchte … Und was werden wir wohl alles – sicherlich sehr bald – über die »leckeren« Zuckerersatzstoffe erfahren, wenn diese erst einmal gründlich erforscht sind? Vielleicht könnte man sich einfach damit abfinden, dass wahrscheinlich selbst Äpfel ungesund sind, wenn man sich ausschließlich von ihnen ernährt. Ich finde es zwar fast schon rührend, dass sich so viele Menschen in Brüssel und Berlin um meine Gesundheit sorgen, frage mich aber ernsthaft, an was ich eigentlich einmal sterben darf. Vielleicht lasse ich mich dereinst einfach überfahren … von einem Diesel … auf der Landstraße natürlich!

 

Zurück aber zum Kaffee, zu dem sich natürlich auch zahlreiche, absolut widersprüchliche Gesundheits- oder vielmehr Krankheitsstudien finden lassen – je nach Auftraggeber und Lobbystärke: In grauer Vorzeit absolutes Luxusgut, das nur der aristokratischen Gesellschaft vorbehalten war, erlebte Kaffee Höhen und Tiefen (man denke an die Erfindung des Instant-Kaffees!) und zählt heute nicht mehr nur zu den Wachmachern, sondern ist in den Olymp der Lifestyle-Getränke aufgestiegen … sofern er nicht »normal« ist, sondern als Latte- oder Frozen-Irgendwas überteuert seinen Abnehmer findet. Richtig hip ist er jedoch gerade wieder in seiner reinsten Form – edle Bohnen, mit Liebe gemahlen, von Hand gebrüht. Nun hätte ich beinah den Gegenspieler vergessen, da sich Tee- und Kaffeetrinker fast in zwei unterschiedliche Fußballmannschaften splitten: Natürlich ist auch Tee nie in Vergessenheit geraten … im Gegenteil – es scheint, als könnte er dem Kaffee langsam den Rang ablaufen. Immerhin bieten selbst »Oma-Cafés« inzwischen mehr an als Schwarz- und Pfefferminztee. Hier könnte sich also ein neues In-Getränk gerade seinen Weg bahnen.
Und was angesagt ist, ruft auch nach einem schönen Gewand: Wir haben uns in aller Welt umgesehen, wie Kaffee oder Tee optisch schmackhaft gemacht werden soll – wie gut, dass auch die Redaktion Vertreter beider Fraktionen hat!

Autor: Bettina Schulz

Dieser Beitrag erschien erstmals in novum 07.18 – Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/