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- Graphic Design

»Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral«

… so konstatierte einst Bert Brecht, dessen Werke ab dem 23. Februar wieder im Mittelpunkt des jährlichen Brecht Festivals in Augsburg stehen werden. Seit 2010 zeichnet die Agentur KW Neun für das jeweils wechselnde Erscheinungsbild dieses kulturellen Ereignisses verantwortlich und fand auch für 2018 wieder einen spannenden Ansatz. Wir sprachen mit Gründer Artur Gulbicki über dieses Langzeitprojekt.

 

In Kürze startet das Brecht Festivals 2018, für das ihr erneut das Erscheinungsbild realisiert habt. Ist es nicht schwierig, immer wieder einen neuen gestalterischen Ansatz zu finden, gerade, weil das Event ja schon thematisch sehr eingegrenzt ist?


Bertolt Brecht ist ein spannender Charakter, ein wilder und genialer Typ von Kindesbeinen an. Zusammen mit seinem gigantischen Werk ergibt sich da ein unerschöpflicher Kosmos an Themen und Blickwinkeln für das Festival. Das wechselnde Jahresthema macht es uns zudem einfacher, immer wieder neu heranzugehen. 

 

Die Umsetzungen sind sichtbar unterschiedlich. Fangt Ihr tatsächlich immer wieder bei Null an oder baut Ihr doch in irgendeiner Weise auf die vorangegangenen Festivals auf?

2010 haben wir zunächst ein strenges und gleichzeitig verspieltes Designkonzept definiert und jährlich lediglich eine Primärfarbe in Neon variiert. Dieser Ansatz hat sich nach drei Jahren erschöpft. Wir haben das Konzept geöffnet und gehen seitdem stärker auf den thematischen Schwerpunkt ein. Dieser kontinuierliche Wandel setzt sich auch nach einem Relaunch Anfang 2017 unter dem neuen künstlerischen Leiter Patrick Wengenroth fort.

Brecht Festival 2010
Brecht Festival 2015

 

Wie frei könnt Ihr dabei bei der Ausgestaltung agieren?


Mit seiner inhaltlichen Intention für das Programm bringt der künstlerische Leiter den Ball ins Rollen. Daraufhin stürzen wir uns in das Thema, entwickeln die visuelle Leitidee erproben unterschiedliche grafische Ansätze. Im Projektteam, zu dem auch mehrere Kolleginnen aus dem Festivalbüro und Kulturamt gehören, tauschen wir uns über Zwischenergebnisse aus und bekommen wichtiges Feedback. In zwei drei Schritten entsteht so die finale Gestaltung.

Brecht Festival 2016
Brecht Festival 2017


Am 23. Februar beginnt das Brechtfestival 2018 – was ist Euer Designansatz in diesem Jahr gewesen?


Das aktuelle Brechtfestival steht thematisch unter dem Motto »Egoismus versus Solidarität«. Es gibt zahllose Anknüpfungspunkte zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten um die ungleiche Verteilung von Vermögen, sozialer Gerechtigkeit oder dem Umgang mit Flüchtlingen.
Dem Festivalleiter Patrick Wengenroth geht es dabei stark um die Frage nach der Vorortung des Einzelnen innerhalb dieser Begriffe. Also wie schaut’s denn eigentlich bei einem selber so aus mit Solidarität? Und wie verhält es sich mit Egoismus, wenn die persönliche Komfortzone angegriffen wird?
Wir haben uns für ein rein schwarz-weißes visuelles Konzept entschieden um diese Pole so stark wie möglich in Kontrast zu setzen. Die Teaser-Plakate sind auf die Begriffe »ICH« und »WIR« verdichtet, die wir als Kurzformel für das Festivalmotto gewählt haben. Die Plakate hängen bereits abwechselnd hintereinander im Straßenbild, ohne Datum, ohne Veranstaltungshinweis. Damit bauen wir Spannung auf bevor das eigentliche Festivalplakat mit konkreten Informationen geschaltet wird. Die Bildsprache zeigt grob gepinselte Worte, zerknüllt, wieder entfaltet, benutzt. Diese Motive bilden letztlich Makulatur ab, etwas gedanklich Verworfenes beziehungsweise Verworfenes und Wiederhervorgeholtes. Damit möchten wir zeigen, dass nichts von Bestand ist. Brecht fordert auf die Welt wie sie ist zu hinterfragen, vermeintliche Wahrheiten kritisch zu überprüfen und immer aufs Neue abzuwägen was wir glauben und was nicht. Ich glaube eines, es wird ein sehr spannendes Brecht Festival geben.

Brecht Festival 2018
Brecht Festival 2018

 

Viele der Erscheinungsbilder brachten Euch verdientermaßen Auszeichnungen bei verschiedenen Designwettbewerben ein. Stärkt das generell die eigene Position gegenüber dem Auftraggeber oder ist es schlichtweg ein »nice to have«?


Ja, das hat unseren Ruf auch außerhalb des Kulturbereichs schon gestärkt. Ich bin überzeugt, dass für uns dadurch die eine oder andere Tür aufgegangen ist.



Ihr betreut viele Kunden aus dem Kultursektor, der nicht gerade für üppige Budgets bekannt ist. Muss man da als Kreativer – auch in punkto Herstellungs- und Umsetzungskosten – umso kreativer planen und denken?


Wir haben oft ein Workaround oder ein alternatives Produktionskonzept ausgetüftelt, damit am Ende trotzdem etwas Besonderes entstehen kann. Und unsere Gesamtrechnung fällt trotz knapper Budgets positiv aus, weil die Zusammenarbeit mit anderen Kulturmachern für uns einen Wert an sich darstellt. Ein Intendant, Autor, Regisseur oder Künstler denkt auf seine Art ebenfalls in Konzeption, Entwurf und Umsetzung; der Austausch ist fruchtbar und verbindet uns. Dieser Aspekt steht definitiv auch auf der Habenseite.

 

Du musst ja inzwischen ein Brecht-Experte sein … gibt es ein Lieblingszitat?

Ich bin definitiv ein Brecht-Laie, aber über die Jahre hinweg zu einem echten Fan geworden. Mein Lieblingszitat war das Motto des letzten Festivals: »Ändere die Welt; sie braucht es.«

 

http://www.kw-neun.de/marken-design-mut.html

 

 

Dieses Interview erschien erstmals in der novum 01.18 mit dem Themenschwerpunkt »Theatre«. Hier finden Sie auch Gespräche mit Fons Hickmann sowie Mirko Borsche. Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/