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- Graphic Design , Editorial Design

Entdecke das Ruhrgebiet!

Die Kampagne Big Beautiful Buildings wird in diesem Sommer Bauwerke im Ruhrgebiet aus den fünfziger bis siebziger Jahren ins Rampenlicht stellen: Bekannte und unbekannte Gebäude können dann in einem vielseitigen Kunst-, Kultur- und Unterhaltungsprogramm wiederentdeckt werden. Wir sprachen mit Tim Rieniets, Geschäftsführung StadtBauKultur NRW, und Christine Kämmerer, Projektmanagement, sowie Michelle Flunger und Sascha Schilling von konter — Studio für Gestaltung, die für das Erscheinungsbild verantwortlich zeichnen, über das Projekt.

Foto: Sebastian Becker

 

Herr Rieniets, Frau Kämmerer, im Mittelpunkt von Big Beautiful Buildings stehen ja nicht nur architektonische Leuchtturmprojekte, sondern auch Alltagsgebäude, die heute nicht selten als unzeitgemäß angesehen werden. Warum ist es in Ihren Augen dennoch notwendig, diese zu würdigen?



TR: Zunächst sollte man nicht vergessen, dass auch Alltagsarchitektur gut sein kann. Leider findet Architektur meist nur dann Beachtung in der Öffentlichkeit, wenn sie mit Superlativen aufwarten kann. Daran sind die Medien nicht ganz unschuldig, weil sie sich mit Vorliebe solchen Bauwerken widmen, die besonders spektakulär oder teuer sind – oder beides gleichzeitig, wie die Elbphilharmonie in Hamburg. Dabei gibt es bei vielen Gebäuden Qualitäten, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden: innovative Konstruktionen etwa, die in dieser Zeit erstmalig erprobt wurden. Auch steckt hinter manch durchschnittlicher Fassade eine hohe Wohnqualität, die man als Außenstehender gar nicht erwarten würde.


CK: Bei den Gebäuden aus der Nachkriegszeit, die wir ins Zentrum stellen, kommt noch etwas anderes hinzu: Etwa 38 Prozent aller Gebäude in Deutschland wurden in den Jahren 1949 bis 1979 errichtet – zu keiner Zeit wurde mehr gebaut! Nun kommen diese Gebäude in die Jahre und es stellt sich immer häufiger die Frage: Was sollen wir damit machen? Und sehr häufig werden dann schnell Forderungen nach Abriss laut.

Foto: Serkan Akin

 

Wird das bauliche Erbe der Nachkriegszeit also generell zu wenig geschätzt?



TR: Ja, die Architektur der Nachkriegszeit hat leider kein gutes Image. Hinzu kommt, dass eine wachsende Zahl dieser Gebäude in einem sanierungsbedürftigen Zustand ist, was das Vorurteil, dass die Architektur der Nachkriegszeit einfach nur hässlich sei, noch bestärkt.


CK: Und solange es diese Vorurteile gibt, ist nicht zu erwarten, dass mit der Architektur der Nachkriegszeit sorgsam umgegangen wird. Und in der Tat sind schon einige – auch architektonisch wertvolle – Gebäude zerstört worden, ohne dass man ihre Qualität in angemessener Weise gewürdigt hätte. Sicher gibt es bei einigen Gebäuden Mängel, die nur schwer zu beseitigen sind. Einfach pauschal alles abzureißen ist aus unserer Sicht keine Option, das wäre schon aus ökologischen Gründen nicht vertretbar. Stattdessen wollen wir dazu anregen, sich Gedanken über eine zeitgemäße Weiterentwicklung, über Umbau und neue Nutzungen zu machen.


TR: Diese Bauwerke sind Zeugnisse einer für Deutschland bedeutsamen Epoche und für viele Menschen auch Orte, an die persönliche Geschichten und Erinnerungen geknüpft sind. Wir sollten uns also erst einmal über die architektonische Qualität und die historische Bedeutung klar werden, die zumindest einige Bauwerke aus dieser Zeit für sich in Anspruch nehmen können, bevor wir über deren Zukunft entscheiden.

 

Die Initiative, die mit ganzjährigen Veranstaltungen im Ruhrgebiet sensibilisieren möchte, mündet in einem europäisches Netzwerk …

TR: Unser Projekt findet im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres statt, das von der Europäischen Kommission für 2018 ausgerufen wurde. Darum war es naheliegend, nicht nur vor der eigenen Haustüre zu schauen, sondern den Blick auch in andere europäische Länder zu werfen. Die Themen, mit denen sich unsere Partner von der TU Dortmund auseinandersetzen, werden auf einer gemeinsamen Website sichtbar gemacht. Außerdem wird es Treffen im In- und Ausland geben, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Auf diese Weise erfüllt das internationale Netzwerk, das von der TU Dortmund koordiniert wird, eine ganz wichtige kommunikative Aufgabe für unser Projekt: Es macht sichtbar, dass die Nachkriegsmoderne ein internationales Phänomen war und in allen entwickelten Ländern, im Osten wie im Westen, entstanden ist.


CK: Natürlich hat diese Architektur in den unterschiedlichen Ländern auch unterschiedliche Ausprägungen, weil sie dort unter anderen technischen und politischen Bedingungen entstanden ist. Nehmen Sie beispielsweise die moderne Nachkriegsarchitektur in den osteuropäischen Ländern. Sie wurde sehr stark in den Dienst sozialistischer Gesellschaftspolitik gestellt. Dementsprechend müssen sich die Menschen in diesen Ländern in anderer Weise mit ihrem Nachkriegserbe auseinandersetzen als wir. Aber allen Ländern und Regionen ist gemeinsam, dass sie zum Teil sehr umfangreiche Bestände aus dieser Zeit haben und nun nach Wegen suchen müssen, wie sie damit umgehen wollen.

Foto: Juliander Enßle

 

Das Projekt wird umfassend kommuniziert: Was muss das Erscheinungsbild für Big Beautiful Buildings leisten? An wen ist es adressiert?


SS: Das ist eine Frage, die wir uns auch lange gestellt haben, besonders insofern, als wir die Zielgruppe relativ schnell als den hiesigen Bewohner, die Ruhrpottarbeiterin, den Künstler und den Hausmann identifiziert hatten und nicht nur die architekturaffinen Mitmenschen abholen wollten. Im Prinzip soll sich das Erscheinungsbild an eine breite Masse richten. Darum haben wir uns dafür entschieden, auf die Zeit und den Zeitgeist zu verweisen, dem diese ?Architektur entstammt. Denn dieses Lebensgefühl, insbesondere das der Wirtschaftswunderjahre, wird in der Öffentlichkeit sehr positiv wahrgenommen.


MF: Wir wollten das Thema nicht musealisieren oder romantisieren, sondern eher subtil auf den Zeitgeist von damals anspielen. Wir haben versucht, über eine gewisse Bandbreite an alten Fotografien, einem Farbcode und kontemporärer Architekturfotografie einen Pool zu schaffen, der uns ermöglicht, je nach Veranstaltung oder Örtlichkeit zu variieren und so auch die Zielgruppe etwas zu verschieben.

Foto: Juliander Enßle

 

Wie habt ihr euch in die Thematik eingearbeitet? Wo hat das Grafikdesign mit der Architektur ganz generell eurer Meinung nach die größten Berührungspunkte?



SS: Man kommt inhaltlich nicht drum herum, die Bauten in ihrem historischen Kontext zu sehen. Wir haben uns dementsprechend damit auseinandergesetzt, warum die Wertschätzung der Nachkriegsarchitektur in den Jahren nach dem Bau gelitten hat, obwohl damals eine große Euphorie herrschte, und wie sich die Wertschätzung von Architektur über Jahrzehnte hinweg generell immer wieder verändert.


MF: Grafikdesign und Architektur haben definitiv mehrere Berührungspunkte – der deutlichste mag aber die Präsenz in der Öffentlichkeit sein. Kein Gebäude ist ungeplant, nichts ist ungestaltet, beide Metiers prägen den öffentlichen Raum durch verschiedene, branchenbedingte Aspekte. Ein großer Unterschied in dieser Gemeinsamkeit ist jedoch, dass Architektur deutlicher wahrgenommen wird – auch Menschen, die nicht im Thema sind, haben eher eine Meinung zu einem Gebäude als beispielsweise zu einem Plakat. Anders als beispielsweise in Skandinavien gibt es in Deutschland aber generell ein weniger hohes Ästhetikempfinden. Trotz allem können wir uns schwer vorstellen, dass Architekten hören, dass der Neffe auch mal ein Haus gebaut hat, so wie wir hören, dass XY jetzt auch eine Digitalkamera hat und mit Photoshop arbeitet. Die öffentliche Wertschätzung gegenüber architektonischer Arbeit ist somit vielleicht etwas höher als die gegenüber Grafikdesign. Grafikdesign kann die Welt verändern oder Geschehnisse beeinflussen, ja, aber sind wir doch mal ehrlich, Grafikdesign, welches die Durchschlagskraft besitzt, eine ganze Epoche zu prägen, ist einfach nicht an der Tagesordnung …

www.bigbeautifulbuildings.de
www.studiokonter.de


Dieses Interview erschien erstmals in unserer novum-Ausgabe 06.18 mit dem Schwerpunkt »Design & Architektur«. Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/