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- Photography

Fotoserie »Corona Change«

Der Münchner Fotograf Luis Zeno Kuhn hat häufig Schauspieler und Schauspielerinnen vor der Linse – gerne auch mal mutig inszeniert, ungewöhnlich in Szene gesetzt und von spannenden Perspektiven geprägt. Mit seiner jetzigen Serie »Corona Change« geht er einen anderen Weg: Möglichst klar, hell und einheitlich sind die Porträts ganz in Weiß gehalten.

 

Wir haben uns mit ihm über die Reihe unterhalten, und seine Beweggründe, diese neue Herangehensweise auszuprobieren.

Luis Zeno Kuhn, Selbstporträt

Etwas Neues ausprobieren

novum: Luis, welche Idee steckt für dich konkret hinter der Corona-Serie, wie bist du darauf gekommen?

Luis Kuhn: Ich muss ehrlich gestehen, dass ich anfangs gar keine Serie geplant hatte. Ich wollte mir eigentlich nur den Kopf abrasieren. (lacht)
Was ich dann witzig fand, war, dass ich bei manchen Freunden ähnliche Ideen mitbekommen habe – auf Instagram konnte ich ganz viele unterschiedliche Veränderungen beobachten, nicht nur bei Frisuren.
Grundsätzlich fotografiere ich viele Schauspieler, viel im Theaterbereich, so dass es eh total mein Ding ist, die unterschiedlichen Seiten eines einzelnen Menschen zu betrachten. Ich habe beispielsweise schon einige Fotoshoots mit Perücken geplant, weil ich es immer krass finde, wenn Personen plötzlich völlig andere Haare haben, da entsteht was ganz Spannendes.
Jedenfalls rasierte ich mir den Kopf, als die Quarantäne-Zeit losging, und habe erst ein Selbstporträt gemacht. Darauf habe ich sehr viel Feedback bekommen, relativ zeitgleich zum Hashtag #coronachange. Und weil ich mir sowieso schwer tue, zuhause zu sitzen, habe ich mich mit Maske und Handschuhen ausgerüstet und mit unterschiedlichen Leuten Termine für Porträts ausgemacht, wenn sie gerade eine Veränderung durchgemacht haben. So begann das Projekt.
So eine richtige Idee gab es also nicht. Es ist eher von selbst entstanden, durch meine eigene Entscheidung, mein Ausstehen zu verändern. Ich denke, die Corona-Zeit bietet vielen einen Anlass, etwas Neues an sich auszuprobieren, was sie sich sonst nicht trauen würden…

Franziska Aigner

Ungewöhnlicher Kontakt

novum: Merkst du auch, dass die Leute Redebedarf haben, oder auch einfach Lust auf menschliche Kontakte, die sonst eher spärlich sind im Moment – abgesehen von Supermarkt und engem Familienkreis?

 

Luis Kuhn: Ja, total! Und du musst dir ja auch vorstellen, es ist ja auch ein skurriler Kontakt, den wir da haben, wenn ich in einer fremden Wohnung mit meiner türkisen Ärztemaske, Sonnenbrille und Handschue ankomme, dann sind die Leute teilweise aufgeregt, dass endlich mal jemand anders in der muckeligen Bude ist. (lacht) Bisher war ich erstaunt und positiv überrascht: Jeder ist total vorsichtig, hält die Abstände ein, da gab's noch keine Situation, die für mich blöd gewesen wäre. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich viele Bekannte fotografiere.


novum: Sind auch Fremde auf dich zugekommen oder waren alle eher aus deinem Bekanntenkreis?

Luis Kuhn: Ich würde sagen, 80% Bekannte. Manche lose Facebook-Bekannschaften vielleicht. Langsam bekomme ich aber auch mehr Anfragen von Fremden, das kommt durch die einzelnen Reposts zustande.

Simon Pearce

Heller, strahlender Eindruck

novum: Welche Optik hast du denn verfolgt?

Luis Kuhn: Das erste Bild, das ich von mir selbst gemacht habe, ist eher zufällig vor einem weißen Vorhang am Fenster entstanden, weil dort das schönste Licht war. Letztlich hat sich diese einheitliche Optik gehalten, so dass der Blick etwas entscheidendes hat, weil die Kleidung und der Hintergrund weiß ist. So entsteht ein heller, strahlender Eindruck, obwohl ich sonst in meinen üblichen Jobs viel und gerne mit Schatten experimentiere.
Der Vorhang begleitet mich also zu allen Porträts und ist schon richtig durchgeknittert. (lacht) Also kein großes Equipment, alles natürlich und klar gehalten, kein Duckface, kein Gepose.

novum: Du hast erzählt, dass sich viele Personen die Haare abschneiden oder färben, das ist ja doch eine Veränderung, die relativ schnell vonstatten geht, und weniger Spuren hinterlässt als vielleicht Piercings oder Gesichtstattoos. Welche Veränderungen waren sonst dabei?

Luis Kuhn: Die für mich bisher spannendste Veränderung zeigte mir die Freundin meines Vaters, die eine Hautkrebsvorsorge hat machen lassen. Das heißt, sie hat ihre komplette Haut lasern lassen, weshalb sie einfach von oben bis unten verbrannt aussieht. Sie wollte aber trotzdem unbedingt, dass ich sie portraitiere, besonders auch als Statement: Jetzt ist eine gute Zeit, sich um Krebsvorsorge zu kümmern. Diese Message hat dem Projekt nochmal eine ganz neue Tiefe gegeben.

Simone Jacob

Achtsamkeit und Selbstreflektion

novum: Da ist auch vielleicht für jeden die Schwelle woanders – ich kenne durchaus manche Frauen, für die es mutig ist, ohne Makeup aus dem Haus zu gehen – für andere liegt das Problemfeld völlig woanders.

Luis Kuhn: Es geht auch um unterschiedliche Ansätze: Für manche ist Veränderung einfach Fashion, für manch andere ein innerer Drang, eine Notwendigkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Mein Vater hat sich zum ersten Mal in seinem Leben den Bart abgeschnitten. Das war für uns als Familie der totale Wahnsinn – aber für andere sieht es völlig normal aus.

Insgesamt könnte ich mir auch vorstellen, dass ich vielleicht auch Veränderungen an anderen Körperteilen zeigen kann, nicht nur im Gesicht. Das darf sich gerne weiterentwickeln. Ich bin froh über so viel Feedback!

novum: Denkst du, dass das auch damit zu tun hat, dass man in der Quarantäne sich selbst gegenüber achtsamer ist? Dass das eine ganz andere Art der Selbtreflektion ermöglicht, mehr Zeit allein zu verbringen, mehr bei sich zu sein?

Luis Kuhn: Absolut, ja! das sehe ich absolut so.

Marlon Kantor

Mehr Freiheit

novum: Noch eine Frage zu deinem Empfinden als Kreativschaffender: Empfindest du die derzeitige Phase eher als Freiheit oder als Einengung?

Luis Kuhn: Darüber habe ich schon viel nachgedacht… im Moment finde ich es einfach total interessant als Fotograf, dass man die üblichen Belastungen – wie Studio, Miete zahlen, Krankenkasse, Aufträge annehmen – ganz anders wahrnimmt. Da gibt es sogar bei den erfolgreichen Fotografen immer schwierige Monate, auch zur Nicht-Corona-Zeit. Momentan habe ich diese Gedanken gar nicht, und liebe die Möglichkeit, nicht einfach nur »bezahlte Jobs« zu machen, sondern einfach dokumentarische Fotos zu machen, ohne den geldigen Hintergedanken. Ein großer Teil dessen ist die Soforthilfe, die mir ermöglicht, dass ich keine Insolvenz anmelden muss und mich voll auf meine Kreativität fokussieren kann.
Das ist die absolute Freiheit für mich, weshalb ich mich gerade sehr bereichert, inspiriert fühle. Meine Sicht auf die Welt hat sich verändert. Nicht, dass ich alles positiv sehen würde, gar nicht. Aber wenn ich auf mein eigenes Leben schaue und meine Profession als Fotograf, dann profitiere ich gerade sehr davon und schätze die Zeit mit meiner Familie sehr.

 

http://luiszkuhn.de/

https://www.instagram.com/luiszenokuhn_portraits/