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- Print & Production

Risografie: Nachhaltig und kreativ

Irgendwann hatten Laura Sirch und Sascha Wellm das Gefühl, etwas Neues muss her. Durch einen Zufall entdeckten die beiden Gestalter den Risografie-Druck und verliebten sich Hals über Kopf in ein eigentlich simples Druckverfahren, das sie noch so manches graue Haar kosten sollte. Heute haben die beiden viel Respekt vor der Druckkunst, aber auch großen Spaß an den kreativen Spielräumen, die ihnen die Risografie bietet.

Photo: Hannes Rohrer

Als ihr 2015 angefangen habt, war Risografie in Deutschland noch weitgehend unbekannt, wie seid ihr auf die Idee gekommen?

 

Sascha: Wir haben zusammen an der Hochschule München Kommunikationsdesign studiert und zu der Zeit schon viel zusammengearbeitet. Nach dem Studium fing Laura in einer großen Agentur an und ich war als Freelancer tätig, aber irgendwann war es an der Zeit, etwas Neues zu machen. Bei einem Glas Wein in der Sonne fingen wir an, Ideen zu spinnen, und die Risografie war eine davon. Drei Monate später wurde die Scherzidee Realität und es ging los. Wir wohnten zusammen in einer WG und ich hatte eine kleine Kammer, in die haben wir den Drucker gestellt und die ersten Aufträge abgewickelt. Die Kunden konnten sich zwischen Wäscheständer und Pfandflaschen ihre Arbeiten abholen.

Laura: Einer unserer Freunde ging nach Zürich an die ZHdK, wo es einen Risografen gab, und zeigte uns seine Drucke. Die Risografie besitzt eine ganz eigene Ästhetik. Spannend war auch zu erfahren, dass diese Technik überhaupt nicht neu ist, in London gibt es schon seit 15 Jahren Risografie-Studios, aber in München war das noch unbekannt. Als Gestalter reizte es uns, auch mal damit zu drucken, aber keiner hatte einen Risografen und so dachten wir uns mit unserem Wein in der Hand, warum nicht, das können wir auch. Also beschlossen wir zu kündigen und einen Risografen zu kaufen.

Sascha: Ohne jemals an der Maschine gestanden zu haben, wohlgemerkt. Völlig unglaublich.

Laura: Anfangs druckten wir auf billiges Papier und der erste Auftrag ist uns buchstäblich davongeschwommen. Das Papier war viel zu glatt, wir hatten zu wenig Zeit eingeplant und dann ging auch noch die Gegendruckwalze kaputt. Wir mussten ziemlich viel Lehrgeld zahlen. Es gibt ja kein Handbuch, in dem steht, achte auf dies und jenes. Und auch wenn man schon Erfahrung hat, besitzt die Maschine doch ein Eigenleben und macht immer wieder Dinge, die man nicht versteht. Es gibt eine internationale Riso-Gemeinde und alle haben dieselben Probleme. Man muss einfach lernen, wann es gut ist, und dann aufhören.

Sascha: Sonst verliert man einen Bogen nach dem anderen und zählt im Kopf schon mit, wie viel Geld man da jetzt gerade vernichtet.

Photo: Hannes Rohrer

Und wer sind eure Kunden?

 

Sascha: Das ist ganz unterschiedlich. Agenturen, die Dinge für Kunden drucken lassen, aber auch Privatpersonen, und das Spektrum reicht von der IT-Firma bis zur Kunstakademie.

Laura: Man merkt auch, die Leute wollen wieder etwas Analoges haben, das Ecken und Kanten hat und vielleicht auch einen Fehler. Es geht wieder weg vom Perfekten.

Sascha: Mir ist bei der Arbeit an der Maschine erst wieder bewusst geworden, wie unfassbar komplex eigentlich das Thema Druck ist. In Zeiten von sehr guten Onlinedruckereien, die kein Geld kosten, vergisst man schnell, welch ein hochkomplexer Prozess das ist.

Photo: Hannes Rohrer

 

Im Gegensatz zu konventionellen Druckverfahren ist die Risografie recht umweltfreundlich. Warum?

 

Sascha: Weil die Druckfarben Sojaöl-Wasser-basiert sind und die Maschine eine maximale Energieaufnahme von 200 Watt besitzt. Ein Haarföhn hat zum Beispiel 2000 Watt und ein normaler Office-Kopierer liegt schon bei 600 Watt, also dem dreifachen. Schon eine mittelgroße Offset-Druckerei verbraucht eine fünfstellige Zahl an Litern Wasser im Jahr und Alkohol ohne Ende – das alles brauchen wir nicht. Wir benötigen alle drei Monate eine Flasche Spiritus.

Laura: Wir verbrauchen sehr wenig Strom und Wasser und in den Riso-Farben ist nur ein sehr geringer Teil an Lösungsmitteln enthalten.

 

 

Für welche Auflagen eignet sich die Risografie?


Laura: Wir drucken ab zehn A3-Bögen pro Motiv, haben aber auch schon 500 hundertzwanzigseitige Taschenbücher gedruckt. Mit genügend Vorlauf produzieren wir auch 5000 Bücher. Aber wir können natürlich keine Staffelpreise anbieten, die mit Onlinedruckereien vergleichbar wären.

 

Was macht für euch immer noch den Reiz der Risografie aus?


Sascha:
Dass man nicht auslernt. Auch nach Jahren am Gerät gibt es immer wieder neue Situationen.

Laura: Und der persönliche Kontakt ist uns wichtig. In der Regel besprechen wir mit den Kunden vorher alles und geben Tipps. Bei jedem neuen Projekt fangen wir also wieder an zu tüfteln. Sagt der Kunde, das ist mir zu teuer, denken wir darüber nach, wie man die Kosten senken kann.

Sascha: Ein schönes Beispiel war das Urban Festival, die Organisatoren hatten wenig Budget, wollten aber 5000 Programmhefte haben. Also haben wir viel gerechnet, aber es passte einfach nicht. Am Schluss schlugen wir vor: Wir drucken 1200 Hefte und ihr verlangt 20 Cent pro Stück. Die fünfköpfige Familie bekam dann zwar nur ein Programm statt fünf, aber es reichte für alle und es wanderte nicht so viel in den Müll.
   
Laura: So war auch sofort eine andere Wertschätzung da. Da Drucken inzwischen so billig ist, denken viele, ich produziere lieber mehr, auch wenn es hinterher in der Tonne landet. Bei uns gehört die Beratung aber ohnehin immer mit dazu. Und das Schöne an der Risografie ist, dass sie so vielseitig ist. Vom supertrashigen Comic-Zine bis hin zur edlen Hochzeitseinladung ist alles möglich und genau diese ästhetische Bandbreite finden wir spannend.
   
www.herrundfraurio.de
   
  
Laura Sirch und Sascha Wellm werden in diesem Jahr auch einen Vortrag auf unserer Creative Paper Conference halten. Das komplette Programm und Tickets unter: http://www.creative-paper.de/

 

 
Dieses Interview erschien erstmals in unserer novum-Augabe 04.18. Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/

 

Für unsere April-Ausgabe realisierten Herr und Frau Rio wunderschöne Risografien, die von Studierenden der FH Münster gestaltet, numeriert und signiert wurden. Diese Kunstwerke gibt es im Bundle zu je 7 Stück für 21 Euro zu kaufen: https://novum.graphics/de/magazin/shop-abo/