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- Books , Illustration

Monochromes Gruseln: Frankenstein

Schon für seine Buchillustrationen in »Professor Unrat« wurde der in Offenbach lebende Martin Stark gefeiert und mit dem Gestalterpreis ausgezeichnet. Nun erschien – ebenfalls in der Büchergilde Gutenberg – eine Neuauflage von »Frankenstein« … und hier begeistern die schwarz-weißen Bilderwelten fast noch mehr. Wir sprachen mit dem Kreativen über seine Herangehensweise.

 

Sie haben »Frankenstein« durchgehend schwarz-weiß illustriert …

Ja, das stand für mich schon ziemlich früh fest. Zum einen, weil ich den scharfen Kontrast passend fand, um die düstere Stimmung des Romans einzufangen – finstere Szenerien, die wie von einem kurzen Blitzlicht in gleißende Helligkeit getaucht werden. Zum anderen als Hommage an die berühmten Frankenstein-Verfilmungen mit Boris Karloff, Mel Brooks’ »Young Frankenstein« oder die TV-Serie »The Munsters«, die alle in Schwarz-Weiß gedreht wurden und die ich sehr mag. Großen Einfluss, hier wie bei »Professor Unrat«, hatten auch der Film »Das Cabinet des Dr. Caligari« von Robert Wiene und der deutsche Filmexpressionismus mit seinen windschiefen, gemalten Kulissen sowie der erste Gruselfilm, den ich als Kind gesehen habe und dessen Atmosphäre bis heute einen großen Eindruck bei mir hinterlassen hat.


Wie haben Sie sich dem Buch genähert und entschieden, an welchen Stellen Illustrationen den Inhalt unterstützen können?


Beim Lesen des Romans erstelle ich zuerst eine Liste mit möglichen Szenen und ein Register mit Landschafts- und Personenbeschreibungen. Danach versuche ich mithilfe kleiner Scribbles einen Rhythmus aus spannenden und ruhigen, aus detailreichen und einfachen Momenten zu finden, die gleichmäßig über den Roman verstreut sind.
Da vom Verlag angedacht war, die Kapitel des Romans, in denen die Kreatur selbst von ihren Erfahrungen berichtet, auch aus ihrer Perspektive zu zeichnen, kam schnell die Idee auf, den Rest des Buches ebenso aus der Sicht der anderen erzählenden Personen, Viktor Frankenstein und dem Polarforscher Walton, zu illustrieren. Neben Szenen, die nur im Roman vorkommen, wollte ich aber zusätzliche Augenblicke abbilden, die man aus den Frankenstein-Filmen kennt. Außerdem wollte ich die Atmosphäre der Erzählung einfangen, die verschiedenen ausführlich geschilderten Landschaften abbilden, wie die Gletscher am Montblanc, das Rheintal, die Orkney-Inseln und die am Nordpol spielende Rahmenhandlung.

 

»Frankenstein« ist visuell schon so sehr vorgeprägt – wie erschafft man als Illustrator da noch »seinen eigenen«?


Das war in der Tat besonders anspruchsvoll. Mir war schnell klar, dass ich das Geschöpf nie im Ganzen, sondern nur als Schatten zeigen oder in Ausschnitten seine Monstrosität andeuten werde. Auch, um dem Betrachter genug Freiraum zu lassen, sich aus den verschiedenen Illustrationen seine eigene Kreatur zusammenzusetzen.
Während meiner Recherchen stieß ich auf eine Illustration von Theodor von Holst, die der »Frankenstein«-Ausgabe von 1831 vorangestellt war und die Viktor Frankensteins Flucht aus dem Labor zeigt. Zum 200. Jubiläum fand ich es passend, sie neu zu interpretieren und sie ebenso als Frontispiz einzusetzen, um so eine Brücke zu den Anfängen des Romans zu schlagen. Eine Hommage an Füsslis »Nachtmahr« musste ebenso hinein, da sich Mary Shelley von diesem Bild zu einer Szene in ihrem Buch inspirieren ließ.
  
Sie zeichnen generell gerne monochrom. Worin liegt der Reiz für Sie?


Ich mag es, mit einfachen Mitteln eine kontrastreiche Atmosphäre zu erzeugen, visuelle Informationen wie bei einem Piktogramm auf das Wesentliche, plakativ und grafisch auf mehr oder weniger abstrakte geometrische Figuren zu reduzieren, die dennoch ein konkretes Bild ergeben. Die mit Fineliner gezeichneten Illustrationen bekommen so durch das Wegnehmen von Licht eine holzschnittartige Anmutung und sind in Schwarz-Weiß am wirkungsvollsten. Außerdem soll der Betrachter so dazu angeregt werden, sich die Farben selbst vorzustellen. Was nicht heißt, dass ich bei anderen Projekten nicht vielleicht doch Farben einsetzen werde. Meine Arbeitsweise ist dabei wie analoges Vektorisieren, die Illustrationen sind eine Mischung aus Konstruktion und Spontanität. Dabei ermöglicht mir der Stift eine größere Freiheit und Geschwindigkeit als andere Werkzeuge und man kann sich vom Ergebnis oft selbst noch überraschen lassen.

 

Sie illustrieren nicht nur Bücher, sondern auch für Magazine. Was liegt Ihnen mehr?


Mir gefällt beides – bei beidem hat man das Erlebnis des ersten Lesens mit spontanen Eindrücken, die einen zu Illustrationen inspirieren. Der einzige Unterschied ist oft die Zeit: Während man bei Magazinen in der Regel schnell zu einem Ergebnis kommen muss, hat man beim Roman die Zeit, sich in die Geschichte hineinzuversetzen und darüber nachzudenken, man kann länger und ausführlicher recherchieren, um ein stimmiges Konzept für Charaktere und Schauplätze zu erstellen und einen Spannungsbogen zu entwickeln.
Und in der Regel ist die Haltbarkeit von einem schönen Buch, das man sich im besten Fall jahrelang ins Regal stellt, länger. Daher ist es mir wichtig, dass mir die Illustrationen, die ich für ein Buch mache, auch selbst gut gefallen.
  
Interview: Bettina Schulz

 

Der Band Frankenstein ist bei der Büchergilde Gutenberg erschienen: https://www.buechergilde.de
  
Dieser Beitrag erschien erstmals in novum 02.19 (novum+ Black&White); Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/
  
Weitere Beiträge zu Büchern finden Sie hier: https://novum.graphics/news/books/