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- Typography , Print & Production

TacTiles – Braille als sinnliche Erfahrung

Zu Beginn ihrer Masterarbeit fragte sich Nóra Kaszanyi, inwiefern das Grafikdesign auch jenen Menschen etwas geben kann, die nicht in der Lage sind, visuelle Inhalte zu verarbeiten. »Ich habe mich schon immer für Dinge interessiert, die nicht nur für die Augen gestaltet sind, sondern in den Raum hineinwirken und auch andere Sinne ansprechen«, erklärt Kaszanyi. Zudem wollte sie mit ihrer Abschlussarbeit etwas bewirken und so versetzte sich die ungarische Grafikerin in blinde Kinder hinein und entwickelte mit tacTiles ein System, mit dem Grundschüler spielerisch das Braille-Alphabet erlernen können. 

 

Das Interview führte Christine Moosmann, Chefredakteurin der novum.

Leicht erfassbare Assoziationen wecken

Wie sind Sie an das Projekt herangegangen?


Da dies ein ganz besonderes Themenfeld ist, war klar, dass ich die Hilfe eines Experten brauchte. Ich nahm Kontakt zu einer Grundschule für Blinde auf, wo ich die Lehrerin der blinden Grundschüler kennenlernte. Bei meinen Besuchen der Schule gab sie mir viele Ratschläge und ließ mich an ihrem Hintergrundwissen teilhaben. Außerdem recherchierte ich sehr viel zu dem Thema und schrieb meine Abschlussarbeit über taktile Schreibsysteme.


Was ist anders, wenn man für Menschen etwas entwirft, die nicht sehen können?


In meinen früheren Arbeiten standen visuelle Kommunikation und die Gestaltung visueller Inhalte im Mittelpunkt. Daher war die Umstellung auf die neue Situation eine enorme Herausforderung. Da sich Blinde über das Hören und Fühlen die Welt erschließen, sind die Finger ihre Hauptsinnesorgane. Daraus ergibt sich die Frage: Kann eine Grafikdesignerin in einer solchen Situation überhaupt etwas bewirken?
Also analysierte ich den Designprozess; ich musste den Anforderungen an die visuelle Kommunikation, die für die Gestaltung eines Logos gelten, gerecht werden, sie allerdings für das Ertasten noch weiter optimieren. In gewissem Maße musste ich mein Streben nach Schönheit ablegen, denn die Grundüberlegungen in diesem Fall unterschieden sich sehr stark von jenen eines gewöhnlichen Gestaltungsauftrags.

 

Worin lag die größte Herausforderung bei diesem Projekt?


Ich begann zunächst einmal damit, testweise ein Leselernheft mit allen Buchstaben anzulegen, in das ich auch schon ertastbare Inhalte einfügte. Ziel war es, ein Hilfsmittel zu schaffen, welches das Erlernen der Buchstaben der Braille-­Schrift für die Kinder erleichtert. Ich wollte jedem einzelnen Buchstaben ein eigenes Material zuordnen, ein Material, das sich beim Berühren jeweils anders anfühlt. Aber da die Materialen nicht robust genug waren, musste ich mir etwas anderes ausdenken. Es musste eine Technik sein, die dauerhaft nutzbar ist. Aus diesem Grund entschied ich mich für den 3D-Druck.
Wie in den meisten Leselernheften verband ich mit jedem Buchstaben ein anderes Konzept. Ich suchte nach Konzepten, die auch für ein blindes Kind die entsprechenden Assoziationen wecken und leicht erfassbar sind. Die Schule half mir auch dabei zu entscheiden, welches Konzept auf die Plättchen aufgetragen werden sollte und was die Kinder nicht durch das somatosensorische System erfassen können. Daher versuchte ich Worte zu wählen, die für etwas klar Zuordenbares stehen und aufgrund ihrer Form, auch wenn diese nur stilisiert dargestellt ist, nicht doppeldeutig sind.

»TacTiles fanden großen Anklang«

Haben Sie Ihre Gestaltung mit den Kindern getestet? Und wie reagierten diese?


Ich hatte schon gewisse Sorgen, ob es den Kindern leicht fallen würde, die Formen durch das Berühren zu erkennen, aber die tacTiles fanden großen Anklang. Die Kinder hielten die Plättchen gerne in den Händen, jeder Buchstabe wurde für sie zu einem kleinen Rätsel und dann, wenn sie die richtige Lösung gefunden hatten, freuten sie sich riesig. Plötzlich entstand wie aus dem Nichts eine neue gemeinsame Aktivität, denn die Kinder konnten nicht nur ihre Fertigkeit zu fühlen und zu kombinieren verfeinern, sondern übten auch die Buchstaben des Braille-Alphabets.


Hat Ihre Arbeit an diesem Projekt Ihre Haltung, Ihren Blick auf Dinge verändert?


Ich habe ungeheuer viel bei dieser Arbeit gelernt. Der gesamte Gestaltungsprozess verlief ganz anders, da der »Auftraggeber« hier visuelle Inhalte nur durch das somatosensorische System verarbeiten kann. Daher musste ich in die Rolle einer Designerin (und nicht einer Grafikdesignerin) schlüpfen, bei der noch mehr Punkte zu beachten waren.

 

TacTiles war Ihr MA-Abschlussprojekt. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?
 
Es war das erste Mal, dass ich mich mit so einem Thema befasst habe. Am Anfang hätte ich nie gedacht, dass sich meine Abschlussarbeit so sehr um ein soziales Thema drehen würde, einfach weil ich keine einschlägigen Erfahrungen auf diesem Gebiet hatte. Ich begann damit, über das Wesen des Grafikdesigns als Genre nachzudenken und darüber, wie ich für Menschen entwerfen könnte, die visuelle Inhalte nicht verarbeiten können – als Grafikdesigner, der ausschließlich visuelle Inhalte erstellt.
Ich habe mich schon immer für Grafikdesignprodukte interessiert, die nicht nur die Augen ansprechen, sondern sich nicht nur auf die Ebene eines Bildschirms oder eines Blattes Papier beschränken, sondern sich auch in den dreidimensionalen Raum ausdehnen und auch andere Arten der Wahrnehmung beinhalten. In meiner Diplomarbeit habe ich versucht, etwas in diese Richtung zu bringen, aber parallel dazu habe ich darüber nachgedacht, ob es möglich ist, etwas mehr hinzuzufügen und ob es einem größeren Zweck dienen könnte. Auf diese Weise bin ich mit Blindheit in Kontakt gekommen, und schon in der Anfangsphase meiner Arbeit wurde mir klar, dass ich blinde Menschen als Zielgruppe auswählen und so eine Gruppe von Menschen ansprechen wollte, die unsere Welt mit dem verstehen Hilfe dieser sehr sekundären Modi der sensorischen Verarbeitung.

»Was kann Design bewirken?«

TacTiles ist als Open Source-Projekt mit herunterladbaren Dateien für den 3D-Druck konzipiert. Welche Idee steckt dahinter?
 
Wie bereits erwähnt, hätte ich jedem Buchstaben ein anderes Material zuordnen wollen (z. B. Holz für „w“, Papier für „p“, Gummi für „r“ usw.), aber ich auch mussten die Haltbarkeit berücksichtigen, und die Zerbrechlichkeit dieser Materialien machte sie für den langfristigen Einsatz ungeeignet.
Nach der daraus resultierenden konzeptionellen Anpassung schien das Spritzgießen die naheliegendste Option zu sein, jedoch wäre es im Fall eines Ein-Kopien-Kits ziemlich kostspielig gewesen, weshalb ich mich dem 3D-Druck zugewandt habe. Eine Methode, die bereits weit verbreitet und noch kostengünstiger ist. Da in diesem speziellen Fall eine einzelne Datei ausreicht, um ein physisches Objekt (in diesem Fall kleine „Kacheln“) zu erstellen, stellte sich die Frage: Warum werden diese 3D-druckfertigen Dateien nicht öffentlich zugänglich gemacht? Auf diese Weise könnte es jeder nutzen, die Produktion selbst zu organisieren.
 
Wird tacTiles tatsächlich angewandt oder ist geplant, es als Schulungsmaterial zu verwenden?
 
Leider musste ich aufgrund meiner anderen laufenden Aufgaben das Projekt beiseite legen, aber ich würde es auf jeden Fall in Zukunft offen zugänglich machen wollen. Da das aktuelle Tool für das ungarische Alphabet entwickelt wurde, besteht der erste Schritt darin, es an Englisch anzupassen. Das Projekt basierte auf 3D-Druck und offenem Zugang zu Ressourcen. Eine Kommerzialisierung würde daher die Veröffentlichung der 3D-druckfertigen Dateien erfordern, und durch das Herunterladen könnte jeder eine physische Form geben, wo immer er möchte.

 

 

Kontakt von Nóra Kaszanyi unter:

norakaszanyi@gmail.com
norakaszanyi.com