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- Graphic Design , Interview , Typography

»Neue Typographie« – 100 Jahre funktionales Grafikdesign in Deutschland

Das funktionale Grafikdesign, das uns heute so selbstverständlich erscheint, setzte sich in den 1920er Jahren durch – von Deutschland ausgehend, bald auch international. Anlässlich des 100. Geburtstags der »Neuen Typographie«, der sich laut Tschichold aus der Publikation des »Prospekts zur kleinen Grosz-Mappe« im Juni 1917 ergibt, beleuchtet eine Artikelreihe in der novum die wichtigsten Entwicklungen in jener Epoche und zeigt Entwürfe der maßgeblichen Gestalter.

 

Beginnend mit der novum 06.17 wird Patrick Rössler, Professor für Kommunikationswissenschaften, in jeder Ausgabe einen anderen Aspekt der »Neuen Typographie« beleuchten. Es wird unter anderem um das Bauhaus gehen, um das Neue Frankfurt, aber auch um die Verteidigung der Idee gegen das Nazi-Gedankengut. Wir sprachen mit Patrick Rössler über die neue Artikelserie und über die Bedeutung der »Neuen Typographie«. 

»Sinnlos gewordene Mittelachsengruppierung« vs. eine konstruktive und ökonomisch (= schöne) Lösung (Jan Tschichold, »Die neue Typographie«, 1928, S. 214-15)

 

Herr Rössler, 2019 begeht das Bauhaus – das als Heimstätte der »Neuen Typographie« gilt – sein 100jähriges Bestehen. Warum sehen Sie schon 2017 Grund zu feiern?

Richtig ist, dass das Bauhaus ab 1923 als Katalysator einer »Neuen Typographie« gelten kann. Aber – und darauf hat Jan Tschichold schon 1928 hingewiesen – der Urknall einer funktionalen Typografie in Deutschland ereignete sich bereits im Juni 1917, also vor genau 100 Jahren: Da entstand im Umfeld der Brüder Herzfelde/Heartfield und ihres Malik-Verlages eine Zeitschrift als Werbeprospekt für die Grafikmappe ihres Künstlerfreundes George Grosz; und die brach tatsächlich radikal mit allem vorher gesehenen – zumindest in Deutschland. 

 

Warum waren die Ideen der »Neuen Typographie« damals so revolutionär, wie muss man sich das Grafikdesign vor 100 Jahren vorstellen?

Damals herrschte auf vielen Gebieten noch die Ästhetik der klassischen Buchgestaltung vor: Mittelachsenorientierung, geschwungene Schriften, Ornamente und allerlei Zierrat, gezeichnete Illustrationen im dekorativen Stil, im Gesamteindruck alles oft unaufgeräumt und verschnörkelt. Da kam das funktionale, auf Übersichtlichkeit und optimale Lesbarkeit ausgerichtete Konzept der »Neuen Typographie« mit der Integration des scheinbar unbestechlichen Auges der Fotografie natürlich vielen zunächst fremd und ungewohnt vor. Aber seine Überzeugungskraft im Publikum war enorm, und nicht umsonst haben gerade werbliche Anwendungen wie Plakate, Reklamedrucksachen und auch Buchumschläge, die schliesslich nichts anderes sind als Werbung für das betreffende Buch, die Modernisierung des Grafik-Designs vorangetrieben.

In wiefern beeinflusst die »Neue Typographie« noch heute unser grafisches Verständnis?

Seine wesentlichen Prinzipien haben sich, vermittelt über Bewegungen wie den »Swiss Style«, die HfG Ulm oder die »Kassler Schule«, bis in die visuelle Kommunikation unserer Tage hineingetragen. Das Primat der Funktionalität wird – ausser in künstlerischen Zusammenhängen – nicht mehr ernsthaft bestritten. Serifenlose Akzidenzen sind allseits akzeptiert, die gängigen Textverarbeitungen bieten Arial als eine Standardschrift, Fotografie ist dank Photoshop selbstverständliches Bestandteil heutiger Gestaltung. Aber wichtiger scheint mir, dass sich die Logiken der »Neuen Typographie« fest in unserem individuellen und kollektiven visuellen Gedächtnis eingebrannt haben, sie sind Teil unserer Bildsozialisation, von Kindesbeinen an.   

 

Beginnend mit der Juni-Ausgabe der novum werden Sie in einer Artikelreihe verschiedene Aspekte der Bewegung beleuchten. Auf welche Themen dürfen die Leser gespannt sein?

Es geht um die Wurzeln des funktionalen Designs in Deutschland und die Rolle des Bauhauses bei seiner Verbreitung in Deutschland und darüber hinaus, also um die Zentren in West- und Mitteldeutschland und um die internationalen Vertreter der Bewegung, bis hin zur eklektizistischen Adaption der Stilauffassung durch die NS-Machthaber.   

 

Die »Neue Typografie« und auch das Bauhaus beeinflussten und veränderten das Design radikal, gibt es heute ähnlich revolutionäre Gestaltungsansätze, über die man auch in 100 Jahren noch sprechen wird?  

Mit dem Wandel der Trägermedien vom Papier zum Display haben vergleichbar grundsätzliche Umwälzungen eingesetzt. Die Innovationszyklen im Web-Design sind allerdings so kurz, dass »Schulen« kaum Zeit haben, sich zu etablieren - schon werden sie wieder von neuesten Trends abgelöst. Ob unsere Nachfahren davon in 100 Jahren sprechen werden, kann ich freilich nicht sagen: Vermutlich fehlt es dann oft schlicht an Quellenmagerial, denn anders als in der analogen Welt mit ihren Archiven und Bibliotheken ist das virtuelle Design viel flüchtiger und schwerer nachzuvollziehen.

 

 

Die Artikelreihe zur »Neuen Typographie« beginnt mit novum 06.17 und auf folgende Themen darf man in den kommenden Ausgaben gespannt sein: Die internationale Bewegung – der »Ring neue Werbegestalter« (08.17); Die nationale Offensive – »Ring«-Zentren in Deutschland (09.17); Das »neue Frankfurt« – eine Stadt erfindet sich (10.17); Mitteldeutschland – aus der Metropole in die Provinz (11.17); Der NS-Dumpfheit getrotzt – eine Idee lebt weiter (12.17).

 

In Kürze erscheint zu diesem Thema auch:

Patrick Rössler/Bauhaus-Archiv Berlin: bauhaus.typo. 100 Arbeiten aus der Sammlung des Bauhaus-Archivs Berlin, 2017

 

 

 

Jan Tschichold: Erstes Programm der »Neuen Typografie« (in Kulturschau, April 1925)