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- Graphic Design

»Kultur lebt durch Widerstreit«

Mal Hooligans, dann ein Bowlingteam – für die Klassenfotos setzen sich Fons Hickmann und seine Studierenden an der Berliner Universität der Künste immer sehr humorvoll in Szene. Engagement und Leidenschaft treiben ihn an, in seiner Rolle als Professor, Gestalter und Autor zu bewegen, zu erregen und neue Wege zu gehen. Susanne Schaller sprach mit dem Kreativen …

 

Seit 2009 zeichnet Ihr Studio Fons Hickmann m23 für das Corporate Design der Semperoper Dresden verantwortlich und wurde dafür schon mehrfach ausgezeichnet. Welche Konstanten beinhaltet das Konzept?


Nicht nur für Dresden gilt, dass wir für Kulturhäuser generell auf ein flexibles Corporate Design setzen. Starre Systeme haben heute keinen Erfolg mehr, da sie nicht leben. Konservatismus im Design führt zwar zu einem mittelfristigen Erfolg, ist aber nicht nachhaltig. Um Klienten unsere gestalterische Herangehensweise zu veranschaulichen, vergleiche ich Corporate Design gerne mit einem Körper, bei dem die unterschiedlichen Organe und Körperteile ein lebendes Ganzes ergeben. Wir betrachten diesen Körper ganzheitlich, jedes Teil beeinflusst alle anderen und um ihn gesund zu halten, müssen wir diese Wirkungsweisen berücksichtigen. Eine Schlussfolgerung ist, dass wir digitale und analoge Medien nicht getrennt betrachten. Weiterhin in den Sparten »analog« und »digital« zu denken, ist anachronistischer Unsinn und konservatives Neulanddenken. Ein Logo, die Schrift- und Farbwahl, die Website, eine App und die klassischen Printmedien sollten von einem Studio gestaltet werden, sonst passen sie nicht zusammen und interagieren auch nicht. Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist, dass sich ein CD verändern darf. So wie sich auch ein Körper oder eine Persönlichkeit verändern, muss sich auch eine kulturelle Institution verändern können. Es reicht völlig aus, eine starke Komponente im Erscheinungsbild zu behalten, zum Beispiel das Logo oder eine signifikante Typografie. So behält man ein Mindestmaß an Wiedererkennung und gewinnt ein Höchstmaß an Flexibilität. Ich habe ja schließlich auch keine Lust, zwanzig Jahre in den gleichen Klamotten rumzulaufen, sondern möchte mein Äußeres meinem Lebensgefühl anpassen – der Kern bleibt bestehen.

 

Wie begegnen Sie dem Aspekt der Tradition, die es gerade in großen Häusern weiterzuführen gilt?


Wie alles in unserer Kultur kommt es irgendwoher und geht irgendwohin. Nichts ist ohne Einfluss. Auch die jungen Festivals wie das Impulse Theater Festival oder die Wiesbaden Biennale sind zwar radikal zeitgemäß, stehen dennoch in einer Tradition. Auch dann, vielleicht sogar gerade dann, wenn ich die Tradition ablehne, fußt mein Handeln doch darauf. So ist Widerstand und Rebellion immer nur als Reaktion auf das Bestehende möglich – also untrennbar vereint. Auch die Ablehnung oder die Auflehnung ist eine Antwort auf das, was vorher da war. Kultur und Zeitgeist sind ein permanenter Widerstreit zwischen Positionen, Anschauungen und Gefühlen. Die Kultur lebt durch diesen Widerstreit – sobald es Einschränkungen gibt, seien sie politisch, moralisch oder wirtschaftlich motiviert, erstarrt die Kultur.

Programm für das »Impulse« Theaterfestival

 

Holen Sie an den Ursprüngen Ihrer Konzeption eher den Intendanten oder das Publikum ab?


Ich weiß es nicht. Um ehrlich zu sein, interessiert mich natürlich die Haltung eines Intendanten und auch die Sicht des Publikum ist relevant, doch meine Entwürfe entstehen recht unbeeinflusst. Als Zeitgeist-Arbeiter sollte man sich auf sein Gespür verlassen können. Das Entwerfen von Design ist wie andere künstlerische Disziplinen, wie das Schreiben oder Malen eine sehr persönliche Auseinandersetzung. Es gibt einen individuellen Kern, den es zu entdecken gilt. Die meisten meiner Arbeiten sehe ich als persönliche Interpretation eines intellektuellen Stoffes (bei einem Buch oder Theaterstück) oder eines Gefühls (bei Musik oder Film). Ich visualisiere diese Empfindungen durch meine Ausdrucksformen Bild, Form und Typografie. Manchmal trifft das den Zeitgeist, dann sind die Menschen begeistert und geben mir gutes Feedback – ?das macht mich glücklich – für den Augenblick. Aber das ist flüchtig und sollte uns nicht zu sehr beeindrucken. Manchmal muss man auch etwas tun, was unbeliebt ist.

Programm der Wiesbaden Biennale

 

Gibt es kulturpolitische Entscheidungen, die direkt oder indirekt Ihre Arbeit beeinflusst haben?


Klar, zum Beispiel Kürzungen im Kulturetat, die externe Mitarbeiter immer am schnellsten treffen. Die Ursachen dafür können allerdings auch gesellschaftspolitische Entwicklungen sein. In Dresden arbeiten wir seit Jahren für diverse Kulturinstitutionen. Seit einigen Jahren erfährt die Stadt mit Erstarken fremdenfeindlicher Kräfte, wie zum Beispiel Pegida und AfD und deren öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Demonstrationen, einen starken Besucherrückgang. Wer will schon in eine Stadt kommen, in der er mit Hass und Häme begrüßt wird? In Dresden führt das dazu, dass der Besucherstrom, dem die Stadt Geld und Aufmerksamkeit verdankt, in zwei Jahren um fast zwanzig Prozent rückläufig ist. Das wiederum führt dazu, dass der Stadt Geld fehlt, die Folge sind Etatkürzungen, weniger Kultur und Jobverlust et cetera. Ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie rechte Gesinnung, die sich ja gerne als Bewahrer der deutschen Kultur darstellt, genau diejenige ist, die die deutsche Kultur zerstört.

CI für den RIAS Kammerchor

 

Kann man großen kulturellen Anspruch mit einem kleinen Budget verwirklichen?


Das Ergebnis von Kultur ist selten durch ein Budget getragen. Nennen Sie mir ein paar große Romane, die aus dem Luxus heraus entstanden sind: Es gibt welche, aber dennoch sind die stärksten oft aus der Not heraus geschrieben. Das soll nun aber nicht als Tipp für Kulturschaffende missverstanden werden. Ich finde, dass Kreative und Kulturschaffende in Deutschland fast immer unterbezahlt sind. Es ist in den letzten Jahren sogar ein intellektuelles Prekariat entstanden. Ich muss dennoch einem Kausalzusammenhang zwischen Budget und kulturellem Anspruch widersprechen. Noch immer entstehen viele meiner Arbeiten für NGOs oder politische Initiativen mit niedrigem Budget. Wenn ich auf unsere Websites schaue, kann ich aber sagen, dass die Qualität völlig unabhängig vom Budget ist. 

Spielplan-Broschüre RIAS Kammerchor

 

Sind Theatermacher, Festivals oder kulturelle Institutionen wirklich immer »Traumkunden«? Wir erinnern uns an Ihren Vortrag auf der CPC, als Sie von Ihrer Erfahrung mit der Volksbühne Berlin berichteten …


Leider ist die ehemals großartige Volksbühne ein Auftraggeber, den wir ablehnen. Durch die Neuorientierung des Hauses und deren Akteure hat dort eine Entwicklung eingesetzt, von der ich kein Teil sein möchte. Gegipfelt hat das in einer Pitch-Einladung an meine Agentur, in der ein Entwurfshonorar angeboten wurde, das jedem Auftraggeber die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste. Hier wird etwas betrieben, das ich in den Satz fassen möchte: »Kultur beutet Kultur aus.« Es gibt bisweilen eine Haltung in Kulturinstitutionen, die die Leistung von Gestaltern und auch den eigenen Kulturschaffenden derart gering schätzt, dass ich eigentlich nicht verstehe, warum diese Personen auf diesen Posten sitzen. Leider werden unbegabte Kulturoberhäupter oft von nicht minder unfähigen Kulturpolitikern eingesetzt. Ein Dilemma unserer Kulturpolitik und ein Plädoyer für mehr Unabhängigkeit der Kultur.

 

https://fonshickmann.com/#

 

Dieses Interview erschien erstmals in unserer novum-Augabe 01.18 mit dem Schwerpunkt-Thema »Theater«. Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/