Ihr Warenkorb:

Keine Artikel im Warenkorb.

- Graphic Design

Die Stimme des Löwen

Das Center for the Study of Political Graphics ist eine unabhängige, nicht gewinnorientierte Organisation in Los Angeles. Seit 1981 sammelt das CSPG Plakate und stellt diese aus, es ist ein demokratisches Experiment, das gesellschaftlichen Wandel dokumentiert. Marta Almeida sprach mit Carol Wells, der Direktorin des CSPG, über deren Engagement für diese bemerkenswerte Initiative.

 

Woher kommt Ihr Interesse für das politische Plakat?


Es gab da diesen einen Blick auf ein einziges Plakat, der mich von einer wenig interessierten Person zu einer Besessenen machte. Ich habe an der Graduate School der UCLA mittelalterliche Kunstgeschichte bei O. K. Werckmeister – der heute in Berlin lebt – studiert und gelernt, dass Kunst immer politisch ist. 13 Jahre lang war die Kunst der Reichen und Mächtigen das Thema meiner Vorlesungen an der California State University Fullerton. Als Aktivistin nahm ich an Demonstrationen gegen die Politik der Reichen und Mächtigen teil. Diese beiden Dimensionen meines Lebens blieben immer getrennt, bis ich 1981 nach Nicaragua reiste, um dort die Kunst der sandinistischen Revolution zu dokumentieren und Objekte zu sammeln.

 

Haben Sie ein Lieblingsplakat?


Mich fasziniert immer die Fähigkeit von Künstlern, komplexe Ideen aufzunehmen und sie in ausdrucksstarke Gestaltungen umzusetzen. Mein Lieblingsplakat ist das Plakat, das in Nicaragua mein Leben verändert hat. Objektiv betrachtet ist es kein herausragendes Plakat. Ich beobachtete einen acht- oder neunjährigen Jungen, der plötzlich ein Plakat entdeckte. Er starrte auf das Bild und den Text und versuchte, alles zu verstehen. Auf einmal begriff ich, wie Plakate funktionieren. Die Menschen leben ihren Alltag und plötzlich sehen sie etwas Unerwartetes. Ein Plakat zieht aufgrund seiner Farben und/oder der ins Auge springenden Grafik all ihre Blicke auf sich und so betrachten sie es näher. Das Plakat stellt den Betrachter infrage oder weckt in ihm eine Frage. Ab diesem Augenblick war ich nicht mehr gleichgültig, sondern entwickelte die Leidenschaft, Plakate zu sammeln.

U. G. Sato

Worin sehen Sie die Aufgabe des CSPG?



Ursprünglich habe ich das CSPG ins Leben gerufen, um Aktivisten bei der Organisation zu unterstützen. Oft kennen wir unsere eigene Geschichte nicht, wissen nicht um die Erfolge, die fortschrittliche Gemeinschaften über die Jahre erzielt haben. Es gibt ein gutes afrikanisches Sprichwort: »Solange die Löwen keine eigene Geschichtsschreibung haben, wird der Held in den Jagdgeschichten immer der Jäger sein.« Die Plakate erzählen die Geschichte der Löwen mit den Worten der Löwen. Im CSPG werden die Bilder des Fortschritts und des Voranschreitens aufbewahrt; die Plakate sind grundlegende historische Dokumente, die die Mächtigen infrage stellen.

Lex Drewinski

 

Und wie sieht die Zukunft des politischen Plakats aus?


Aktuell geht die Zahl der Plakate geradezu durch die Decke. In der Vergangenheit hatten die Plakatmacher immer ein Verteilungsproblem. Heute können über das Internet Bilder leicht und unmittelbar übertragen werden. 2011 trugen die Demonstranten in Kairo während des Arabischen Frühlings ein in den USA entstandenes Plakat durch die Straßen – nur 24 Stunden, nachdem es veröffentlicht worden war. Gerade weil die Repressionen in vielen Teilen der Welt wieder ansteigen, werden die Menschen auch weiterhin Plakate nutzen, um sich zu organisieren, zu informieren und die Aufmerksamkeit auf ihr Anliegen zu lenken.

www.politicalgraphics.org

Dieser Beitrag erschien erstmals in unserer novum-Augabe 08.18 im novum+ »Poster«. Einzelhefte unter: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/detail/novum-0818/