Ihr Warenkorb:

Keine Artikel im Warenkorb.

- History

Uwe Loesch – Plakate kleben länger

Uwe Loesch, 2013 vollkommen zu Recht für sein Lebenswerk mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland geehrt, löst in seinen Arbeiten immer wieder Grenzen auf – gestalterische, formale und vor allen Dingen hinsichtlich der Wahrnehmung. Wir sprachen mit ihm nicht nur über »sein« Genre, das Plakat, das manches Mal keines mehr ist.

Uwe Loesch, 1975

 

Du hast schon immer vorwiegend für den Kunst- und Kulturbereich gearbeitet. Was hat sich hier unter gestalterischen Aspekten in den vergangenen Jahrzehnten am meisten verändert?


Uwe Loesch: Viele Museen und kulturelle Institutionen ließen sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Corporate Design verpassen, dem sie nun sklavisch folgen. Das hat nicht nur zu einer langweiligen Uniformierung der Plakate und Werbemittel geführt, sondern auch zu Verlustängsten unter den Kreativen. Aber wegen dieses Phantomschmerzes sollten wir nicht gleich zum Therapeuten eilen.

»Dein« Genre ist das Plakat, wobei du damit gerne auch Grenzen sprengst. Wird deiner Meinung nach das Plakat zu sehr auf seine Fläche reduziert?


Uwe Loesch: Ich versuchte tatsächlich immer wieder, das Medium Plakat in seiner herkömmlichen Form in Frage zu stellen und seine Anwendungsbereiche zu erweitern. 1982 ließ ich Großflächen auf Buchformat zerschneiden und parallel zur Plakatierung an die Zielgruppe verschicken. Es folgten das trittfeste »Fußboden-Plakat«, das »Window-Poster«, das die Durchsicht an Fensterscheiben gestalterisch berücksichtigt, und das »Rapport-Plakat«, mit dem ich in Ausstellungen ganze Räume tapezierte. Auch das Plakat als Guillotine gehört zu diesen lustvollen Versuchen. Der Gegenstand des Interesses wird hier nicht auf dem Plakat abgebildet, sondern das Plakat selbst ist das Objekt. Es wird nicht an die Wand gehängt, sondern schwebt an der Decke über den Köpfen der Renegaten.

»www.scheisse.de«, 2000

 

Du hattest im Laufe Ihrer Karriere über 30 Einzelausstellungen, unzählige Ausstellungsbeteiligungen und erhieltest viele internationale Preise. Gibt es ein Erfolgsrezept, über die Grenzen hinaus derart erfolgreich zu werden?


Uwe Loesch: In Anlehnung an Picassos berühmtes Was-ist-Kunst-Zitat gilt: »Wenn ich wüßte, wie man einen Grand Prix gewinnt, würde ich es niemandem verraten.« Die »Kunst« besteht darin, sich überraschen zu lassen. Oder so lange im Kreis rumzufahren, bis man alle überholt hat. Aber das ist natürlich nicht ernst gemeint.

Welche Gestalter oder auch persönliche Weggefährten haben dich in deinem Leben und Schaffen geprägt?


Uwe Loesch: In der Alliance Graphique Internationale hatte ich die Ehre und Freude, alle meine »Heroes«, die ich als Student bewundert hatte, persönlich kennenzulernen. Dennoch könnte ich keine Gestalterpersönlichkeit nennen, die mich besonders geprägt hätte. Ich versuchte wohl eher intuitiv, eigene Ausdrucksformen zu entwickeln. Mit Abstand betrachtet, entdecke ich jedoch in meinen Arbeiten Freiheiten, die ich unbewußt aus der bildenden Kunst zitiere.

Welche Entwicklung in der Branche erachten Sie als die bahnbrechendste? Welche grundlegenden Veränderungen in der Kommunikation stellen Sie generell über die Jahrzehnte fest?


Uwe Loesch: Zweifellos ist jener Rechner mit dem Symbol für Sünde, Sex und Zauberkraft auf dem Deckel der Fetisch des neuen Jahrtausends. Nachdem wir die damit verbundene Beschleunigung kreativer Prozesse gefeiert haben, hoffen wir nun auf Entschleunigung.

»Haecheln«, 1991

 

Gibt es ein gesellschaftliches Ereignis, das dich nachhaltig berührt hat?


Uwe Loesch: Die Landung auf dem Mond am 21. Juli 1969 (koordinierter Weltzeit) und der Fall der Mauer in der Nacht von Donnerstag, dem 9. November, auf Freitag, den 10. November 1989.

Der Gründer der Gebrauchsgraphik sah den Gestalter in erster Linie dem wirtschaftlichen Aspekt verpflichtet. Ein streitbarer Ansatz in Ihren Augen?


Uwe Loesch: Die Aufgaben und Ziele des Grafikdesigns sind klar definiert. Kommunikation ist bekanntlich ein Grundbedürfnis des Menschen in der Informationsgesellschaft. Für ein Produkt oder eine Dienstleistung zu werben kann deshalb durchaus Sinn machen. Obwohl der homo ludens eigentlich weniger informiert als unterhalten werden will. Allerdings ist es nur ein kleiner Schritt vom Sinn zum Blödsinn.

»Little Boy«, 1994

 

Das Plakat – was wird auch in Zukunft trotz zunehmender Digitalisierung das Reizvolle an diesem Medium bleiben?


Uwe Loesch: Das Plakat an der Säule oder am Gartenzaun hat im Vorübergehen etwas Endgültiges. Als Poster kann man es getrost nach Hause tragen. Als Fläche, die die Welt deutet, bleibt es eine gestalterische Herausforderung.

Zu guter Letzt hast du 2013 den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland für Ihr Lebenswerk erhalten. Hat dich das überrascht?


Uwe Loesch: Ja, ich war überrascht und zugleich verstört, zumal dieser Preis etwas Endgültiges im Sinne von »rien ne va plus« hat. Außerdem würde ich gern vor meinem Ableben noch eine tote Maus am Grabmal des unbekannten Designers niederlegen.


Interview: Bettina Schulz

Der Beitrag erschien erstmals in unserer Jubiläumsausgabe novum 06.14, in der neun Designer auf neun Jahrzehnte Design blickten. Einzelausgabe des Sammlerstücks gibt es hier: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/detail/novum-0614/

 

Weitere Interviews aus dieser Serie finden Sie hier: https://novum.graphics/history/