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- History

Hermann Zapf – Meilensteine der Gestaltung

Hermann Zapf (1918–2015) war unbestritten einer der einflußreichsten und weltweit geachtesten Typografen – über 200 Schriften entwarf er in seiner Laufbahn, unzählige Auszeichnungen und Ehrungen säumten sein Leben. Daher waren wir sehr glücklich, als Hermann Zapf in einem seiner letzten Interviews im Gespräch mit Herbert Lechner für uns Rück- und Ausschau hielt.

Gudrun Zapf-von Hesse
Hermann Zapf mit seiner Frau Gudrun Zapf-von Hesse

 

Die vergangenen 90 Jahre waren eine besonders bewegte und bewegende Epoche voller Umbrüche und Revolutionen – ganz besonders für die gestalterischen Berufe. Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Marksteine? Was hat die Künstler und Designer am stärksten beeinflußt?

 

Hermann Zapf: Die Erfindung des Computers. Mich hat diese Maschine von Anfang an begeistert, auch wenn viele das Gerät zunächst noch ungläubig beäugt hatten. Ich habe mir schon sehr früh Gedanken gemacht, wie es die aufwendige Arbeit des Gestaltens und Schriftentwerfens erleichtern kann.

Was waren für Sie persönlich in der Rückschau die wichtigsten kreativen Ereignisse und Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte?

 

Hermann Zapf: Die Digitalisierung war in meinen Augen das Grundlegendste. Egal, ob es die Schrift, die Musik oder alle anderen Dinge unseres Lebens betraf. Sie hat zu einer weiteren Verbreitung von Informationen geführt. Das sehen Sie ja heute am Beispiel des Internets, wie schnell und einfach Sie an Informationen herankommen und wie die Schriftanwendung für jedermann heute zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.

Optima-Nova

 

Welche Künstler und Designer haben für Sie selbst die größte Rolle gespielt? Wer hat Sie nachhaltig beeinflußt?


Hermann Zapf: Für mich waren es vor allem Rudolf Koch und die ausdauernde Akribie, mit der er sich dem Schreiben und Schriftentwerfen gewidmet hat.

Auf welche Neuerung oder Mode der letzten Jahrzehnte hätte man aus Ihrer Sicht gut verzichten können?


Hermann Zapf: Auf das Schriftkopieren. Es ist heute so leicht, eine Schrift zu kopieren oder aus den Daten einer bestehenden Schrift ohne großen Aufwand eine neue zu machen. Aber darin liegt doch nicht die Kreativität.

Die technischen Umbrüche haben die typografische Entwicklung sicher am stärksten beeinflußt. Sie selbst beschäftigten sich schon früh mit Fotosatz und Digitalisierung und haben die Chancen, aber auch Herausforderungen erkannt. Was war für Sie dabei der wichtigste Schritt?


Hermann Zapf: Für mich war die Realisation der Zapfino ein großes Ereignis: Daß es hier gelungen ist, meine Handschrift mit ihren unterschiedlichen Schreibformen in eine flüssige, sich ständig abwechselnde »Handschrift« auf dem Computer zu realisieren, halte ich für einen großen Meilenstein. Meine weitere Entwicklung auf diesem Gebiet ist die Zapfino Ink, bei der die Buchstaben einen eigenen Farbverlauf haben, so daß der Text aussieht, als wäre er mit Tinte aus der Feder geschrieben, denn durch den Tintenfluß ist die Farbgebung nicht einheitlich. Das ist technisch noch nicht komplett perfekt, aber auch das wird in der nächsten Zeit gelöst werden.

Typografie
Persian

 

Ihre eigenen Schriften sind im besten Sinne zeitlos. Sie haben sich über alle typografischen Trends und Moden hinweg bewährt, sind in allen Techniken verfügbar und werden immer noch weiter ausgebaut. Worin liegt wohl das Geheimnis dieses Erfolgs?


Hermann Zapf: Ich habe mich bei meinen Schriftentwürfen in den Proportionen immer an den Schriften der Klassiker wie zum Beispiel Garamond oder Kis orientiert. Diese entsprechen den Lesegewohnheiten und es war für mich auch wichtig, daß ich die Schrift nicht zu sehr verschnörkelt, sondern mich auf einem gewohnten Terrain des Designs bewegt habe, auch wenn ich mich mit neuen Gestaltungsformen wie der Superellipse bei der Melior auseinandergesetzt habe.

Aufgrund all Ihrer Erfahrungen: Wo sehen Sie heute das größte kreative Potential für die Zukunft?

Hermann Zapf: Ich denke, dass es mit der Digitalisierung unserer Welt noch weiter gehen wird und die Anwendung bei allem noch leichter wird. Es kann gut sein, daß in Anzeigen auf mobilen Geräten die Schrift nicht mehr fester Bestandteil des Bildes ist und nicht ohne weiteres geändert werden kann, sondern dass die Schrift, wie im Fall der Webfonts, auf dem Bild steht und so eine personalisierte Anzeige möglich sein wird.

Der Beitrag erschien erstmals in unserer Jubiläumsausgabe novum 06.14, in der neun Designer auf neun Jahrzehnte Design blickten. Einzelausgabe des Sammlerstücks gibt es hier: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/detail/novum-0614/

 

Weitere Interviews aus dieser Serie finden Sie hier: https://novum.graphics/history/