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David Carson Surfer Cold Sweat

- History

David Carson – Grenzen sprengen

In den achtziger und neunziger Jahren sprengte er alle Grenzen: Grafikdesigner David Carson wurde gefeiert als Enfant terrible – er hielt wenig von Designregeln und räumte dafür unzählige Preise ab. Seine bahnbrechenden Editorial Designs, seine neue Art des Sehens und der »respektlose« Umgang mit Typografie mischten die Designszene auf und noch heute ist der fulminante und umtriebige Querdenker gefragter Referent – und Interviewpartner …

David Carson Porträt
David Carson in jungen Jahren

 

Laß uns zunächst auf den Beginn deiner Karriere blicken: Was hat dich angetrieben, Grafikdesigner zu werden? Welche Visionen hatte der Student und Profisurfer David Carson?


David Carson: Da gab es im Sommer einen zweiwöchigen Workshop über ein Thema, von dem ich noch nie etwas gehört hatte – Grafikdesign. Damals war ich 26. Es gab keinen Plan – ich wollte nur das tun, was mich anzog und wofür ich mich begeistern konnte. Ich hatte auch keine Ahnung, wohin mich das führen würde, ich wußte nur, es war etwas, das ich tun mußte. Ich wollte nichts Besonderes erreichen, ich wollte nur das tun, was mir Spaß machte, und tauchte letztlich in etwas ein, das sich bis heute eher wie ein Hobby als wie Arbeit anfühlt. Vor diesem zweiwöchigen Workshop mit Jackson Boelts an der University of Arizona in Tucson hatte ich bereits einen Collegeabschluß in Soziologie und gerade begonnen, Soziologie und Psychologie zu unterrichten.

Du hast die Designszene in den Achtzigern und Neunzigern ziemlich aufgemischt und nahezu alle Gestaltungsregeln gebrochen. Es war wie ein Befreiungsschlag, der dir aber auch viel Kritik einbrachte. Wie betrachtest du im Rückblick diese Zeit?


David Carson: Also, in den achtziger Jahren war ich hauptsächlich damit beschäftigt, zu surfen, zu unterrichten und Mädchen aufzureißen. Und ich hatte angefangen, an meiner ersten Zeitschrift zu arbeiten, sie hatte den Titel Transworld Skateboarding magazine. Ich hinterließ keine Spuren und mischte auch nichts auf, erst Anfang der neunziger Jahre brach die Hölle los. Ja, und die letzten paar Jahre waren meine produktivsten überhaupt. Die frühen Neunziger waren eine extrem kreative, aufregende und angenehme Zeit in meinem Leben. Ich tat, was ich gerne machte, reiste, bekam weltweite Aufmerksamkeit und verdiente sogar ein wenig Geld. Das führte offenbar zu viel Eifersucht und Wut und Neid und Zuneigung, wovon ich kaum etwas mitbekam, da ich mich immer nur auf die nächste Ausgabe von Beach Culture und später Ray Gun konzentrierte. Ich hörte immer nur von diesen Diskussionen, aber ich bekam sie nie direkt mit oder las die entsprechenden Artikel. Ich bin der Ansicht, wenn Leute meine Arbeit kritisieren, muß man zunächst auf deren Arbeiten schauen und sehen, ob sie einem gefallen oder man sie respektiert. Wenn ja, dann schenkt man dem Beachtung, was sie sagen, wenn nein, dann ist das ohne Bedeutung. Es ist lustig, denn in den frühen Neunzigern gab es Leute, die Artikel schrieben, aber keine Ahnung von Design hatten und trotzdem versuchten, diese neue Entwicklung in der Geschichte des Grafikdesigns zu verstehen. Die meisten waren verloren und verwirrt.

David Carson Buchcover

 

Wie viel Mut war erforderlich, um konsequent das eigene Ding zu machen? Und welche Einflüsse oder aber Ratgeber von außen unterstützten dich dabei?


David Carson: Nicht viel, ich machte einfach das, worin ich einen Sinn sah und was sich für mich gut anfühlte. Ich war nie besonders beeindruckt von meinem Auge für Design, Schrift und Fotografie, habe es auch nie hinterfragt und weiß nicht, woher es kommt. Aber ich habe es. Andere haben es auch. Und es ist etwas, das man nicht lernen kann. Du hast ein Auge dafür oder nicht. Die meisten haben es nicht. Aber da mir eine formale Ausbildung im Bereich Design fehlt, habe ich auch nie jene Dinge gelernt, die man nicht tun sollte, und so machte ich nur das, was mir angemessen erschien und was ich richtig fand … und finde.

»The End of Print« erschien 1995 und wurde über 200.000 Mal verkauft … Würdest Du von der Annahme, daß das gedruckte Wort keine Zukunft hat, irgendetwas revidieren?


David Carson: Nein, ich glaube, das traf es sehr genau. Kein Druckwerk hat seit diesem Buch und Ray Gun für solchen Aufruhr, so viel Diskussionen und solch heftige Reaktionen geführt. Wie es Neville Brody vorhergesagt hat, war Ray Gun tatsächlich das letzte Aufbäumen im Druckbereich. Ich bedauere sehr, daß der Herausgeber das Thema in dem Buch nicht noch deutlicher angesprochen hat.

David Carson Doppelseite Surf Trip
Doppelseite aus dem Strandkultur-Magazin »Surf Trip«

 

Designrebellen wie dich gibt es kaum noch in der Szene – bedauerst du das und woran liegt das deiner Meinung nach?


David Carson: Ja, es ist schon ein wenig traurig, daß es so wenige da draußen gibt, die auch mal mit den Regeln brechen, und daß Grafikdesign seine Experimentierfreude, seinen Forschergeist und seine Emotionalität verloren hat. Viele gute Leute sind in andere Medien abgewandert. Alles ist eher glattgebügelt. Außerdem sind Designer faul geworden und lassen den Computer grundlegende Entscheidungen treffen, die sie eigentlich als Designer selbst treffen sollten. Aber es werden auch wieder andere Leute kommen, da bin ich ganz sicher.

Welche gesellschaftlichen Ereignisse haben dich und deine Arbeit geprägt?


David Carson: Der Sinn für Humor meines Vaters.

Wie lebt es sich heute als gefeierter »Rockstar« des Grafikdesigns? Was treibt dich an, was sind deine heutigen Ziele und Pläne?


David Carson: Es ist der Spaß an der Sache. Am meisten bekomme ich bis heute von den vielen Studierenden zurück, die meine Arbeit berührt und die von ihr inspiriert werden. Ich bekomme täglich Anfragen von Studierenden aus aller Welt, die eine Arbeit über mich schreiben oder sich einfach bedanken. Das ist nett. Das tut gut. Aber ich will das alles auch nicht zu ernst nehmen – meine Arbeit ja, mich selbst nein. Durch meine Arbeit kann ich in der Welt herumreisen, interessante Leute kennenlernen und Erfahrungen machen, zu denen ich sonst nie und nimmer gekommen wäre. Ich habe zwei wunderbare Kinder und meine Eltern haben meine Erfolge – und auch ein paar Mißerfolge – miterleben können. Ich bin ein glücklicher Designer und auch ein glücklicher Mensch. Im Januar 2014 feierte Apple, daß es seit 30 Jahren Apple-Computer gibt; für jedes dieser 30 Jahre wurde eine Person ausgewählt, die großen Einfluß im Bereich Design hatte – April Greiman und ich sind die einzigen Grafikdesigner in dieser Reihe. 30 Menschen aus den vergangenen 30 Jahren! Die stehen für eine Menge Mac-Nutzer. Hierfür ausgewählt worden zu sein, darauf bin ich ziemlich stolz. »Pioneers with profound impact« (Pioniere mit nachhaltigem Einfluß), sagten sie. Nett.

Doppelseite aus Ray Gun
Doppelseite aus Ray Gun

 

Und eine letzte Frage: Gibt es irgendetwas in deinem bisherigen Leben, das du bereust?

 

David Carson: In der Zeitschrift Eye habe ich gelesen, daß ich der Grafikdesigner bin, der in Google am häufigsten gesucht wird. Das ist doch schräg. Sogar noch häufiger als sehr berühmte Künstler. Ich habe scheinbar bei vielen Leuten einen Nerv getroffen, indem ich einfach das tue, was ich gerne mache und was mir richtig erscheint. Für einen schüchternen Jungen, der eigentlich nur surfen, reisen und Mädchen kennenlernen wollte und keine formale Ausbildung im Grafikdesign besitzt, hätte es doch nicht besser laufen können. Insofern die klare Antwort auf die Frage: nein.

Interview: Bettina Schulz

Der Beitrag erschien erstmals in unserer Jubiläumsausgabe novum 06.14, in der neun Designer auf neun Jahrzehnte Design blickten. Einzelausgabe des Sammlerstücks gibt es hier: https://novum.graphics/magazin/shop-abo/detail/novum-0614/

 

Weitere Interviews aus dieser Serie finden Sie hier: https://novum.graphics/history/