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Martin Majoor

- Interview , Typography

Über 25 Jahre exzellente Typo

Der niederländische Schriftdesigner Martin Majoor hat in 25 Jahren gleich fünf bedeutende Schriften entwickelt: FF Scala, Telefont, FF Seria, FF Nexus und Questa. Zukünftigen Schriftdesignern, die sich den Herausforderungen der Gestaltung einer Schrift stellen, rät er, »einfach ganz neue Schriften zu entwerfen«.

 

Worauf basiert Ihre Philosophie?

 

Für die Schriftgestaltung habe ich sehr stark vom Kalligrafie-Unterricht an der Kunstakademie in Arnhem profitiert, wo ich 1980 mein Studium aufgenommen habe. Er war besonders wichtig, weil ich dort nicht nur lernte, wie man schön geformte Buchstaben schreibt (die Basis jedweder Schriftgestaltung), sondern weil auch ein Schwerpunkt auf Layout und Typografie lag. Wer Schriftdesigner werden möchte, muss wissen, wie man Schrift nutzt! In der Druckerei der Akademie lernte ich noch den traditionellen Bleisatz und das Drucken, so wie es 500 Jahre lang praktiziert wurde.

Und dann erhielt ich 1984 die Gelegenheit, eine eigene Schrift mit Ikarus, der ersten Software für die Digitalisierung von Schrift, zu entwickeln. Ich hatte das Gefühl, mit einem Bein in der alten Welt der Kalligrafie und der Metalllettern und mit dem anderen Bein in der neuen digitalen Welt zu stehen.

 

Mit welchen »Dogmen« im Bereich Schriftdesign sollte Ihrer Meinung nach aufgeräumt werden?

 

Dogmen gibt es zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsschichten. Allerdings – und da bin ich mir sicher – kann und wird es auch immer Veränderungen geben. Beim Schriftdesign beispielsweise heißt es, dass lange Texte in Serifenschrift besser lesbar sind als in serifenloser Schrift. Meiner Ansicht nach ist das Unsinn. Oder ein anderes extremes Beispiel: Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden in Deutschland praktisch alle Texte in Fraktur gesetzt, heute gilt diese Schrift als kaum noch lesbar. Dies zeigt, wie anpassungsfähig die Menschen sind. Ich möchte nicht mit Dogmen aufräumen; die Dinge verändern sich sowieso – in die eine oder andere Richtung.

 

»Zwei Schriften, ein Formprinzip« ist seit vielen Jahren Ihr Leitsatz. Wann wurde daraus »drei Schriften, ein Formprinzip«?

 

Ich habe mich schon immer sehr für serifenlose Schriften interessiert, insbesondere dafür, wie sie entstanden. Bei den serifenlosen Schriften fehlte mir aber die Originalität, sie waren immer nur Kopien voneinander. Es war leicht herauszufinden, dass die ersten serifenlosen Schriften ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger stark von den bestehenden Serifenschriften abgeleitet waren, einfach weil nur diese als Gestaltungsmodelle zur Verfügung standen.

Als ich 1988 Scala entwarf, formulierte ich für mich das Prinzip »zwei Schriften, eine Form«. Zunächst entwickelte ich eine Serifenschrift und ausgehend davon die serifenlose Schrift. Das ist ein einfaches, aber sehr hilfreiches Prinzip, das ich auch heute noch anwende. Und ich kann jedem Schriftdesigner nur empfehlen, es ebenfalls so zu machen. Später kam durch das Anfügen von breiten Serifen an die serifenlose Schrift noch ein drittes Mitglied zu der Schriftenfamilie hinzu, eine Egyptienne, wie ich das bei meiner Nexus aus dem Jahr 2004 gemacht habe. Das Wort »Nexus« bedeutet Verbindung und so kam mir die Idee, den Weg von der Serifenschrift zur serifenlosen Schrift und zur Egyptienne das »Nexus-Prinzip« zu nennen.   

 

Noch ein paar Worte zum Questa-Projekt: zwei Autoren, eine große Schriftenfamilie …

 

Das Questa-Projekt entwickelte sich aus einer Zusammenarbeit mit Jos Buivenga, einem talentierten Schriftdesigner und Autodidakten, der hauptsächlich wegen seiner Museo bekannt ist. In der Regel verbinden sich bei einer Zusammenarbeit zwei unterschiedliche Fähigkeiten, etwa kreative und technische Fertigkeiten. Das war bei uns nicht der Fall. Wir haben uns den kreativen Prozess gerecht geteilt. Vielen Designern erscheint das unmöglich, aber wir waren damit ziemlich erfolgreich.

   Für Questa hatten wir zwei Ausgangspunkte: einige Skizzen von Jos aus dem vorangegangenen Jahr, die an die Didot erinnerten und die wir mit meinen Über?legungen zu »einem Formprinzip« verknüpften. Entsprechend war die Serifenschrift der Ausgangspunkt für das Gestalten der serifenlosen Version sowie der Display-Schrift. Aufbauend auf die serifenlose Schrift entwickelten wir dann Questa Slab.

 

 

Wohin wird die Entwicklung in der Typografie gehen?

 

Das ist schwer zu sagen. Hätten sich deutsche Typografen je vorstellen können, dass es innerhalb von zwanzig Jahren keine Fraktur mehr gibt? Fortschritt ist immer da, nur die Geschwindigkeit nimmt immer mehr zu. Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich immer weiter; die Typografen müssen offen sein dafür, aber zugleich müssen sie sich auch der großen Traditionen bewusst sein. Die nächste Generation von Schriftdesignern muss in der Lage sein, mit der Tradition im Gepäck in die Zukunft zu gehen.

 

www.martinmajoor.com

 

 

Das Interview erschien erstmals in der novum-Ausgabe 07.16 (n+ Typography).