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Chico Homem de Melo Chico Homem de Melo

- Graphic Design

Chico Homem de Melo: Ein Interview mit einem der größten Experten der brasilianischen Designgeschichte

Für unsere Februar-Ausgabe mit Schwerpunkt »Brazil« führte Gustavo Greco für uns ein Gespräch mit einem der größten Experten der brasilianischen Designgeschichte: Chico Homem de Melo, dem Autor des Buches »Linha do Tempo« (»Zeitstrang«). 

Welche Bedeutung hat die Definition des Designs eines Landes?

Erlauben Sie mir, etwas überspitzt zu antworten: Es erscheint mir absolut wichtig, dass ein Land sein Design nicht definiert! Ich halte Diskussionen über Design für durchaus relevant, aber die Suche nach Definitionen ist ein wenig erfolgversprechender Weg, dieses Gebiet zu erforschen. Jeder Designer, der von vornherein nach einer originären brasilianischen Ausdrucksform sucht, läuft Gefahr, eine falsche Identität oder auch eine Karikatur der brasilianischen Wesensart in die Welt zu setzen. Brasilien ist, was das nationale Erbe angeht, ein besonders reiches Land und ich glaube, dass dieses Erbe von der gehobenen Kultur weniger beachtet wird, als es das sollte. Das Interesse an diesem immensen kulturellen Erbe ist aber in den letzten Jahrzehnten stetig gestiegen und das ist wunderbar. Die Gefahr dabei liegt in der großen Versuchung, die sogenannte brasilianische Wesensart über dieses Erbe zu identifizieren. Es erscheint mir ein Irrtum, darin die wahre brasilianische Identität zu sehen. Das Vermächtnis umfasst zwar eine Reihe von Ausdrucksformen, die Teil unserer Kultur sind, dennoch darf es nicht als ursprüngliche Quelle gesehen werden, aus der alle Brasilianer schöpfen sollen.

 

 

Welchen Einfluss hatten oder haben internationale Stilrichtungen auf das brasilianische Design?

Meiner Ansicht nach ist das ausländische Kulturerbe von gleicher Bedeutung wie das eigene nationale. Die Welt ist schon viel länger global, als die aktuelle Diskussion glauben macht. Die Einflüsse des europäischen Designs kamen bereits mit den ersten Karavellen von Pedro Álvares Cabral, die im Jahr 1500 auf brasilianischem Boden landeten: Es gab Bücher an Bord, die in solider traditioneller Typografie der Portugiesen gedruckt waren. Seit dieser Zeit ist das immer so weiter gegangen. Natürlich beschleunigte sich der Prozess im Laufe des 20. Jahrhunderts sehr stark und die europäischen Einflüsse gelangten immer schneller zu uns. Doch sie bekamen durch die lokale Sichtweise, durch das kulturelle und technologische Umfeld, in dem wir leben, ob wir wollen oder nicht eine andere Färbung. Um ein Beispiel zu nennen: Es ist bemerkenswert, wie sich die Entwicklungen auf dem Gebiet der visuellen Künste und des Designs in Brasilien einfügten und Früchte trugen. Der brasilianische Konstruktivismus der Fünfziger und das moderne Design der Sechziger gehören zum Besten, was auf internationaler Ebene zu dieser Zeit geschaffen wurde. Es sind im Ausland entstandene Trends, die in Brasilien schnell eine eigene Prägung von beeindruckender Vitalität erfahren haben.

In Ihrem Buch »Linha do Tempo« erwähnen Sie auch den Zuzug von Designern aus aller Welt, die in Brasilien ihre grafischen Spuren hinterließen … 

Ja, ein Phänomen, dessen Tragweite mir bis zu meiner Recherche für das Buch nicht bewusst war! Im Laufe der zwei Jahrhunderte, in denen das Design in Brasilien aufblühte, gab es unter all den Größen auf diesem Gebiet immer auch Kreative aus dem Ausland. Natürlich Portugiesen, aber auch Italiener, Deutsche, Österreicher, Spanier, Argentinier, Franzosen, Japaner, Ungarn, Dänen – eine große und heterogene Gruppe von Meistern des Designs und der visuellen Künste. Und diese kamen nicht kurzfristig aufgrund eines Auftrags nach Brasilien oder für eine Zusammenarbeit mit der ein oder anderen Institution – es waren selbständige und unabhängige Fachleute, die ohne formalen Auftrag auf unterschiedlichsten Wegen hierherkamen und sich bei uns eine Existenz aufbauten. 

 

Sie denken also, einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Designs hierzulande hatte eigentlich das Designgeschehen im Ausland?

Naja, man muss hier unbedingt trennen: Wenn man über ausländische Einflüsse spricht, denkt man automatisch an institutionelle Bildungsangebote, an Austauschprogramme der Universitäten oder auch an Reisen brasilianischer Gestalter ins Ausland sowie an Veröffentlichungen, zu denen diese Fachleute Zugang haben – Bücher, Zeitschriften und neuerdings die digitalen Medien. All das ist von Bedeutung, aber diese Einflussformen meine ich gar nicht. Ich spreche von den alltäglichen Leistungen der vielen kreativen Selbständigen, die sich in Brasilien niedergelassen und eine Art des Kontaktes aufgebaut haben, den ich in Ermangelung eines besseren Ausdrucks als organisch bezeichnen würde. Meiner Meinung nach ist das der tiefergehende und nachhaltigere Einfluss. Mein Fazit ist, dass wir viel Glück mit den Fremden hatten, die zu uns kamen. Das Beste, was in den letzten zwei Jahrhunderten an brasilianischem Design produziert wurde, geht auch auf sie zurück. Wir sind ein vielfältiges Land, ganz ohne Zweifel.

 

Neugierig geworden? Mehr von der Vielfalt der brasilianischen Designkultur gibt es in novum 02.17 zu entdecken.