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Peter Lindbergh München

- Photography

Alternative Facts. Oder wie mache ich aus einem sympathischen Künstler einen frauenfeindlichen Fortschrittsverweigerer?

Am 13. April eröffnet in der Kunsthalle München eine große Ausstellung des Fotografen Peter Lindbergh, der von Kate Moss bis Madonna schon unzählige Stars vor der Kamera hatte und dessen Bildsprache die Modefotografie prägte. Zur Pressekonferenz waren auch wir eingeladen und staunten nicht schlecht, wie einige Kollegen im Nachgang berichteten. Besteht unsere Währung nur noch aus Klicks und zu generierender Empörung?

Peter Lindbergh Ausstellung München

Gibt es unseriöse Berichterstattung von seriösen Medien?

»Fotograf Peter Lindbergh gegen Selfies und Bildbearbeitung«, so titelte ein Magazin für Kunst und Leben nach der Pressekonferenz zur Eröffnung einer großen Werkschau des Künstlers in München. Es folgte das Zitat: »Ich finde, Selfies sind eigentlich so ziemlich das Blödeste, was es überhaupt gibt.« Mehr war auf Facebook nicht zu lesen, denn wer mehr erfahren wollte, musste die Website des Magazins anklicken, wo sich der folgende, kurze Text sehr recht zivilisiert und informativ ausnahm. Der provokante Ton der Headline und des Zitats wurden nicht weiter aufgegriffen und auch zum vermeintlich »skandalösen« Inhalt folgte nichts, was die Empörung der ersten Zeilen gerechtfertigt hätte. 

 

Wir können bestätigen: Peter Lindbergh findet den Selfie-Hype, sich mit Promis abzulichten, blöd. Nicht mehr die Menschen als Person zählten, sagte er auf der Pressekonferenz, sondern nur noch der Star, der neben ihnen steht. Dadurch machten sich die Leute seiner Meinung nach unnötig klein. Gleiches gilt für seine Kritik an Photoshop.

 

Bereits zu Anfang der Pressekonferenz wurde er gefragt, ob er digital fotografiere. »Seit langem schon«, antwortete Lindbergh. Digitalkameras sind für ihn einfach ein Werkzeug – mit dem er offensichtlich keinerlei Berührungsängste hat – und auch die Nachbearbeitung durch Photoshop lehnt der Künstler in keiner Weise ab. Klare Stellung bezog er jedoch, wenn es darum geht, das Aussehen von Menschen durch Photoshop zu verändern und alles glatt zu retuschieren .  

 

 

 

Peter Lindbergh Ausstellung Selfie
Als die Sprache auf Selfies kommt, ergreift Kurator Thierry-Maxime Loriot die Chance, sich mit Lindbergh und Emily Ansenk (Kunsthalle Rotterdam) abzulichten.

Die Verantwortung des Fotografen

Bei Peter Lindbergh haben die Menschen Fältchen, Hubbel im Gesicht und Sommersprossen. Sie sehen aus wie ganz normale Menschen, die jemand unglaublich toll getroffen hat. Besonders deutlich wird das bei seinen Porträts von Filmstars, die eben nicht die »geshopte«, jugendliche Oberfläche zeigen, die man sonst meist präsentiert bekommt, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Charakterdarsteller. 

 

Etwas anders verhält es sich natürlich bei seinen Modeaufnahmen, hier sind die Gesichter nahezu makellos, doch das liegt in der Natur der Sache. Als Wegbereiter des Supermodels gilt Lindbergh nicht, weil er Frauen zu Objekten der Mode degradierte, sondern weil er es ihnen ermöglichte, etwas von sich selbst zu zeigen. Nicht tot-geschminkt, nicht tot-geshopt, sondern so, wie sie sind. 

 

Lindbergh möchte mit seinen Bildern Geschichten erzählen. Seiner Meinung nach ist man dann schön, wenn man die Courage hat, man selbst zu sein. Ein Fotograf hat eine Verantwortung für seine Bilder und dafür, wie er Menschen darstellt – auch das stellte er mit Nachdruck auf der Pressekonferenz klar. Wie viele Modezeitschriften inzwischen mit der Bildproduktion umgehen, dazu äußerte er sich hingegen sehr kritisch.

 

 

Schön ist, wer den Mut hat, er selbst zu sein

Statt »Fotograf Lindbergh gegen Selfies und Bildbearbeitung« könnte eine alternative Headline also lauten: »Schön ist, wer den Mut hat, er selbst zu sein, sagt Peter Lindbergh.« Schon bekommt die ganze Geschichte eine ganz andere Wendung. Schnell schießende Facebook-Kommentatoren müssten sich dann nicht mehr über Künstler aufregen, die »die Kunstfreiheit in Frage stellen« oder über »Fotografen, die Zuhälter sind und denen es nur um Begierde, Egos und Likes geht.« 

 

Wir würden uns wünschen, dass manche Kollegen mehr Sorgfalt walten lassen, wenn sie Bericht erstatten. Reißerische Headlines bringen Klicks, das wissen wir (übrigens: sollten Sie es noch nicht getan haben, klicken Sie bitte JETZT auf unsere Werbebanner), aber als Journalisten sollten wir doch gewisse Mindeststandards einhalten. Auch wenn es »nur« um die Berichterstattung einer Ausstellungseröffnung geht.

 

Was können Sie tun?

 

Facebook hat gerade eine Kampagne gestartet, die die Nutzer für Fake News sensibilisieren soll. Aller – oft berechtigten – Kritik an Facebook zu Trotz, stimmen wir vielen Punkten zu. Speziell dieser Fall hat gezeigt, dass Sie skeptisch sein sollten, wenn Headlines sehr reißerisch oder provokant klingen.

 

Machen Sie sich die Mühe und lesen Sie weiter, oft löst sich die Empörung in Luft auf – so wie in diesem Fall. Oder prüfen Sie andere Quellen. Auf jeden Fall sollte man sich mit Beschimpfungen zurück halten, bevor man nicht sicher ist, ob sich die Sache auch wirklich so verhält. Schließlich steht man mit seinem guten Namen für den Post ein – für ewig –, auch wenn es nur ein Facebook-Account ist.

Peter Lindberg From Fashion to Reality

Und was kommt jetzt?

Für alle, die bis hier hin durchgehalten haben. Die Peter-Lindbergh-Ausstellung, die ja Auslöser dieser Zeilen war, ist wirklich sehenswert! Wunderbare Fotografien, viele stilprägende Aufnahmen und eine Ausstellung, die mehr über die Hintergründe von Lindberghs Aufnahmen und seiner Arbeitsweise verrät. Sehr zu empfehlen. 

 

Peter Lindbergh – From Fashion to Reality 

13. April bis 27. August

Kunsthalle München

www.kunsthalle-muc.de

 

 

 

Alle Bilder: Pressekonferenz und Ausstellung »Peter Lindbergh – From Fashion to Reality« 2017, BrauerPhotos/ S.Brauer für die Stadt München