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Genzsch

- Typography

Typografische Handarbeit

In einem Freisemester widmete sich Professor Michael Wörgötter von der Hochschule Augsburg intensiv der Genzsch Antiqua und realisierte einen Holzschnitt der charakterstarken Schrift. Wir sprachen mit ihm über dieses Projekt.

Wörgötter

 

Was hat dich daran gereizt, eine historische Schrift als Holzschnitt zu realisieren?


Das hat eine Vorgeschichte: Meine Eltern, bildende Künstler, kauften vor vielen Jahren von einem Hersteller einige Reste Holzschriftbestände. Was sie nicht wussten: Es waren Gedi-Schriften vom letzten Hersteller in Deutschland sowie einem der letzten weltweit. Die Schriften von damals sind jetzt bei uns an der Fakultät in Augsburg in der Handsatzwerkstatt, die ich betreue. Diese und noch einige andere Erfahrungen mit Blei- und Holzschriften haben mich auf die Technik ihrer Herstellung neugierig gemacht und so stieß ich auf den Sammler, Drucker und früheren Lehrer Michael Linke, der sich diese Kenntnisse angeeignet hatte. 

 

Letztlich wurde es die Genzsch Antiqua …


… auf die mich der Typedesigner Albert-Jan Pool brachte: Ich verband mein Projekt mit einigen Aufenthalten an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel, wo er unterrichtet. Die Genzsch Antiqua war das Flaggschiff der renommierten Gießerei Genzsch & Heyse in Hamburg, die in den sechziger Jahren pleite ging. Sie wurde von Friedrich Bauer zwischen 1906 und 1912 geschnitten und war im Norden sehr verbreitet. Aber auch im Süden gab es sie; das Unternehmen hatte eine Niederlassung in München, man kann also jede Menge Bücher in der Genzsch finden … Es war eine wirklich wichtige Schrift und der magere Normalschnitt sieht auch sehr gut aus. Ziemlich kräftig, offen, nicht zu aufdringlich, aber mit ein paar Eigenheiten, die sofort auffallen – ein bisschen »künstlerisch«. Friedrich Bauer hatte sich erkennbar an frühen Renaissanceschriften orientiert, aber nicht einfach nur irgendwas nachempfunden. Es ist ein sehr eigenständiger Entwurf. 

 

Trägt der handwerkliche Aspekt dazu bei, eine Schrift neu zu beurteilen?


Eine ketzerische Frage. Wirklich tief dringt man in Schrift ja erst ein, wenn man eine entwirft oder sich ein Re-Design vornimmt. Das geschieht am Rechner beim Digitalisieren, aber auch bei den Recherchen, dem Zusammensuchen von Vorlagen, beim Vergleichen, Testdrucken et cetera. Das eigentliche Schneiden in Holz ist dann kein großer gestalterischer Akt mehr, sondern Handwerk – ein sehr konzentriertes Arbeiten, damit man nichts vergurkt, denn die Vorbereitung des Materials ist sehr aufwendig … Apfel-Z gibt es nicht. Beim Digitalisieren wurde mir aber dann tatsächlich klar, welch große Qualität Friedrich Bauer vorgelegt hatte. Und wer auch immer die Entwürfe damals von Hand in Stahl geschnitten hat – das ist schon meisterlich und es würde heute wohl keiner mehr so hinbekommen. 

 

Welche Details sind dir hier gerade durch die Arbeit an einzelnen Lettern aufgefallen?


Ich hatte mir einen »Plakatschnitt«, die schmalhalbfette Genzsch, vorgenommen, das Pferd also von hinten aufgezäumt. Eigentlich würde man ja mit dem Text?schnitt beginnen, nur wäre das für eine 16-Cicero-Größe die falsche Wahl. Und es gab zu meiner Überraschung einige Stellen, bei denen ich rätselte, ob ich in den Originaldrucken Schwankungen in der Qualität der Zeichen erkenne oder ob es Absicht ist, dass manches etwas unorthodox wirkt. Der Normalschnitt ist aus einem Guss; bei dem Schmalhalbfetten aber waren Inkonsistenzen festzustellen. Beispielsweise ist die Binnenform beim O renaissancehaft geneigt, die Außenform aber wie bei einer Klassizistischen. Auch die ff-Ligatur hat etwas ungelenke f-Formen und das kleine t ist im Verhältnis zu fett und auch etwas plump. 

 

Welcher Arbeitsschritt des Projekts war der aufwendigste?


Das Aufbereiten des Holzes. Das ist Schreinerarbeit mit höchstem Anspruch an Genauigkeit … zwei Drittel der Arbeitszeit gehen dafür drauf. Die verwendeten Hölzer müssen dabei mindestens zehn Jahre gelagert und dürfen weder zu hart noch zu weich sein. Man nimmt Birnbaum oder kanadischen Ahorn, die Gedi-Schriften waren aber wohl aus Maulbeerbaum.

 

Und zu guter Letzt: Bleibt es bei dem einmaligen Projekt oder hast du in Sachen Holzschnitt eine neue Leidenschaft entdeckt?


Also Leidenschaft ganz sicher, denn mal mit der Hand und dem Kopf gleichzeitig arbeiten zu können, ist schon ein Geschenk. Die Produktion der 200 Buchstaben hat aber ganze 300 Arbeitsstunden verschlungen – das ist eigentlich unbezahlbar. Aber eine digitale Genzsch zu vervollständigen und sie wieder verfügbar zu haben, sollte man unbedingt machen. Ob ich das aber tatsächlich zu Ende bringe? Ein Traum wäre es schon …



Dieser Artikel erschien erstmals in unserer novum-Ausgabe 07.16 mit Schwerpunkt »Typography«. Ein Einzelheft (auch als PDF) können Sie hier bestellen: http://novum.graphics/magazin/shop-abo/detail/novum-0716/


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