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- Graphic Design

Was verbindet die Welt?

Niels Schrader bewegt sich mit seinen Arbeiten oft an der Schnittstelle von analog und digital – ob in seinem Studio Mind Design oder aber in der Arbeit mit Studierenden als Dekan des Fachbereichs Design an der Royal Academy of Art in Den Haag. Wir sprachen mit dem Kreativen über die Herausforderung, seine Projekte und Entwicklungen im Grafikdesign, die sich auch auf unser alltägliches Leben und Denken niederschlagen.

 

Niels, was macht den besonderen Reiz aus, die analoge mit der digitalen Welt zu verbinden?


Die Verknüpfung dieser beiden doch sehr unterschiedlichen Gestaltungsfelder eröffnet nicht nur neue Gestaltungsmöglichkeiten, sondern bietet darüber hinaus auch Chancen für Innovationen und ungewöhnliche Formen der Zusammenarbeit.

 

Besteht vielleicht sogar eine gewisse Abhängigkeit zwischen dem Digitalen und dem Analogen?


Ich denke schon, allerdings weniger in medialer Hinsicht als in Hinblick auf unser Denken. Die digitale Kommunikation beeinflusst heutzutage immer mehr unser Handeln, das heißt, wir werden zunehmend dazu gezwungen, binäre Entscheidungen zu treffen. Es ist bezeichnend für digitale Systeme, dass sie durch zwei Signalzustände, eins und null, gesteuert werden. Seit den Terroranschlägen vom 11. September ist man nur noch für oder gegen etwas, ja oder nein sind die einzig verbliebenen Antworten. Man sieht es am Brexit und vielen anderen entscheidenden Lebensfragen. Unsere Aufmerksamkeit schenken wir nur noch dem, der polarisiert, die »Trumpifizierung« (Trumpification) der Medien erlaubt keine Graustufen mehr.

»White Blackout«, audio-visuelle Installation

 

Digital und analog angebotene Inhalte werden unbestritten auf unterschiedliche Art und Weise vom Leser oder Nutzer aufgenommen. Bei eurem Projekt »Hyperbody« habt ihr versucht, »digitale Strukturen« auf ein analoges Medium, ein Buch, zu übertragen. Worin lag hier die Herausforderung?


Bei computergesteuerten oder generativen Gestaltungsprozessen muss man in der Lage sein, auf Kontrolle zu verzichten. Das ist nicht immer ganz einfach, denn es widerspricht eigentlich dem Wesen des Designs, Ordnung zu schaffen. Wer sich also auf ein solches Unterfangen einlässt, der kennt häufig sein Ziel nicht und darf sich auch bei seinen Bemühungen nicht durch unbekannte Herausforderungen einschüchtern lassen – Herausforderungen, die sich ganz natürlich aus den gegensätzlichen Charakterzügen von digital und analog ergeben. Generell kann man in so einem Gestaltungsprozess auch nur sehr spät mit visuellen Ergebnissen rechnen, der Aha-Effekt kommt durch die aufwendige Implementierung auf sehr leisen Sohlen daher.

Niels Schrader: »Hyperbody« – First Decade of Interactive Architecture

Ist die Funktionalität bei deinem Buch »Hyperbody« und bei deiner App Genders of Hyperlinks vergleichbar? Ist das für dich überhaupt ein maßgeblicher Wert?

Gemeinsam ist den beiden das Konzept der Verbindung und Verknüpfung von Inhalten sowie die Software, die diese Querverweise erst möglich macht. Auf »Hyperbody« musste als logischer nächster Schritt Genders of Hyperlinks (Hyperlink-Formen) folgen, denn es wird ein und dasselbe Konzept vom Druckmedium in eine vollständig digitale Umgebung übertragen.
Das innovative Potenzial dieser Methode liegt im Entdecken der verschiedenen Beziehungsformen, die miteinander verwandte Textteile haben können. Tatsächlich stellen sie unsere derzeitige Vorstellung dessen, was wir im Allgemeinen als Hyperlink, als Querverweis definieren, infrage. Bislang gibt es im Internet keine Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Arten von HREF-Attributen, da die spezifischen Elemente der Ziele, auf die sie verweisen, nicht betrachtet werden. Zwar ist das Tag <a> das wichtigste Attribut im World Wide Web, aber es gibt kaum Bemühungen, es für eine nächste Ebene weiterzuentwickeln.
Daher stellt sich hier die Frage: Warum unterscheiden wir derzeit die Hyperlinks nicht nach dem Inhalt, auf den sie verweisen? Entgeht uns nicht etwas Entscheidendes, wenn wir uns die Vielfalt virtueller Beziehungen nicht bewusst machen? Aus den Sozialwissenschaften beispielsweise wissen wir, dass die Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlich stark und intensiv sind. Ist es daher nicht an der Zeit, dieses recht banale Element dort zu implementieren, wo sich die Welt verbindet: im Internet?

»Genders of Hyperlinks«, Tablet-Anwendung, Mind Design

 

Wird sich mit der zunehmenden Verknüpfung von digitalen und analogen Inhalten auch künftig die visuelle Ästhetik vereinheitlichen und wie wird man als Gestalter dann gegebenenfalls noch den individuellen Stärken der Medien gerecht?


Ich bezweifle, dass die Verschmelzung von analog und digital eine einheitliche visuelle Ästhetik schaffen wird. Durch Frosten und Sieden lässt sich ja auch nicht nur Wasserdampf erstellen. Es kommt auf die Botschaft an, nicht auf die Technik. Viele meiner Projekte bedienen sich dem dialogischen Prinzip, bei dem Medieninhalte von einem informativen Aggregatzustand zum anderen übergehen und dabei neue, unerwartete Formen künstlerischen Ausdrucks entstehen. Nach wie vor, White Blackout, Genders of Hyperlinks und The Next Big Thing is Not a Thing beleuchten alle aktuelle Phänomene kultur-philosophischen Ursprungs und gleichen sich nicht in ihrer äußerlichen Erscheinung. 

Geschäftsausstattung für Robstolk, Mind Design

 

Analog versus digital heißt auch, die natürliche Begrenzung des Umfangs im Print und die damit womöglich verbundene sorgfältige Auswahl versus die Online-Unendlichkeit inklusive einer (möglichen) Beliebigkeit. Mit welcher Option lebt es sich als Gestalter leichter?


Es gibt auch hier kein Entweder-oder. Drucksachen und Webseiten haben unterschiedliche Vor- und Nachteile: Die einen sind unglaublich träge, aber dafür umso nachhaltiger, die anderen schnelllebig, aber dafür umso anpassungsfähiger. Mit beiden lässt es sich hervorragend arbeiten – vor allem dann, wenn man sie durch ironische Brechung humorvoll hinterfragt. Wenn sich das Buch verflüchtigt oder die Webseite in Beton gegossen wird.

Geschäftsausstattung für Robstolk, Mind Design

 

Wie nimmst du das Spannungsfeld analog/digital in deiner Funktion als Dekan des Fachbereichs Design wahr? Denkt die kommende Designergeneration überhaupt noch in diesen Kategorien? Inwieweit muss man in der Lehre vielleicht auch für eine Balance der zur Verfügung stehenden Medien sorgen?


Vor dem Hintergrund des schnellen technologischen Fortschritts im Bereich der künstlichen Intelligenz wird die Designdisziplin in den nächsten Jahren ihr Existenzrecht unter Beweis stellen müssen. Vieles wird inzwischen durch Software entworfen und produziert, egal ob es ein analoges Objekt oder eine digitale Anwendung ist. Die kommende Gestaltergeneration sollte also nicht nur die Designwerkzeuge der Zukunft beherrschen, sondern vielmehr in der Lage sein, sie selbst zu entwickeln und zu bauen.


Dieser Artikel erschien erstmals in unserer novum-Ausgabe 10.16 mit Schwerpunkt »digital / analog«. Ein Einzelheft (auch als PDF) können Sie hier bestellen: http://novum.graphics/magazin/shop-abo/detail/novum-1016/


www.minddesign.info

»The Next Big Thing is Not a Thing«, Ausstellungskampagne, Mind Design